NovRev1918 neu kl

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Dr. Hansjürgen Lück

Zur Einheit von Volk und Armee in der Novemberrevolution 1918/19

… Besonders unter den Soldaten der von der Ost- an die Westfront verlegten Verbände war die Antikriegsstimmung ausgeprägt. Wegen Unzuverlässigkeit aus der Front abgezogene Truppenteile empfingen noch kampfwillige Einheiten mit den Rufen „Streikbrecher“ und forderten sie auf, nicht mehr zu kämpfen. Die „Niederwerfung der Revolution im roten Lettland, Finnland und der Ukraine bezahlte Deutschland mit der Zersetzung seiner Armee“1, stellte W. I. Lenin im August 1918 fest. Besonders schnell und nachhaltig schritt die Demoralisierung im Heimatheer voran. Hier sahen die Soldaten durch ihren täglichen Kontakt mit den Werktätigen, wie verzweifelt die Volksmassen gegen Hunger und Not sowie das immer brutaler und rücksichtloser werdende Kriegs- und Ausbeutungsregime kämpften. Immer mehr griff die Erkenntnis um sich, daß dem blutigen Völkermorden, dem Hunger und dem Elend nur auf revolutionärem Wege ein Ende gemacht werden konnte. Die Reichskonferenz des Spartakusbundes konstatierte, „daß Deutschlands Imperialismus politisch und militärisch politisch geschlagen ist …, daß die Armee, das wichtigste Werkzeug der Reaktion, zerbricht.“2 Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, unmittelbare Aufstandsvorbereitungen einzuleiten. Die entschlossensten Spartakusanhänger wurden in kleinen Kampfgruppen auf Betriebsbasis zusammengefaßt und mit Handfeuerwaffen und Munition ausgestattet. Diese Trupps, auch als „schwarze Katzen“ bezeichnet, sollten den Friedensaktionen der Arbeiter und der anderen Werktätigen Schutz gegen den zu erwartenden Waffeneinsatz der Reaktion geben. Nicht der Arbeiterklasse ist die Anwendung bewaffneter Gewalt zur Durchsetzung ihrer Interessen wesenseigen. Sie hält die Durchsetzung des historischen Fortschritts auf friedlichem Wege für durchaus wünschenswert. Die Geschichte des Klassenkampfes zeigt jedoch, daß die Bourgeoisie rücksichtslos und ohne Skrupel zu den Waffen gereift, um die Revolution im Blut zu ersticken. Deshalb muß der „Gewalt der bürgerlichen Gegenrevolution … die revolutionäre Gewalt des Proletariats entgegenstellt werden“3! Deshalb erging an die auf ein Ende des Krieges hindrängenden Soldaten der Appell, ihre Waffen zu behalten und zur Bewaffnung des revolutionären Volkes beizutragen.

Die Grundfrage der Revolution – die Frage der Macht mußte, so betonten Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und andere führende Mitglieder des Spartakusbundes, durch die Zerschlagung der alten Staatsmacht vorangetrieben werden. Unter der Losung „Alle Macht den Räten“ kämpfte der Spartakusbund für den Sturz der Macht des Imperialismus und Militarismus, für den endgültigen Sieg der Revolution, für die sozialistische Republik.

Die Revolution erschütterte die Herrschaft der Monopolherren, Junker und Militaristen in ihren Grundfesten. Sie fegte die Monarchie hinweg, setzte der Fürstenherrschaft in den deutschen Einzelstaaten ein Ende und erzwang die Beendigung des Krieges. Die Arbeiterklasse, die Haupttriebkraft der Revolution, erkämpfte demokratische und soziale Rechte vor allem die Koalitions-, Presse- und Versammlungsfreiheit, das allgemeine Wahlrecht, den Achtstundentag u.a. In vielen Städten übten Arbeiter- und Soldatenräte in den ersten Revolutionstagen wirkliche Macht aus. Vielerorts entwaffneten Arbeiter und Soldaten konterrevolutionäre Truppen und Polizei; Arbeiterräte setzten in zahlreichen Betrieben Maßnahmen zur Kontrolle der Revolution durch. Zur Verteidigung der Revolution bildeten sie bewaffnete Formationen, Rote Garden, proletarische Volks- und Sicherheitswehren. Sie setzten sich aus politisch organisierten Arbeitern, Soldaten und Matrosen zusammen und erreichten eine Gesamtstärke von bis zu 200 000 Mann. Sie waren ein wichtiger Schritt zur Bewaffnung des Volkes, verkörperten reale Machtpositionen und übten eine Zeitlang polizeiliche und militärische Gewalt aus. Proletarische Wehren, in denen revolutionäre Kräfte dominierten, erfaßten etwa 50 000 bis 60 000 Kämpfer. Diese, vielerorts von Vertretern des Spartakusbundes, der Linksradikalen oder linker Kräfte der USPD gegründeten proletarischen Wehren waren eine echte Alternative zum imperialistischen Militär- und Polizeiapparat. Sie stellten Ansatze zur Schaffung demokratischer Volksstreitkräfte dar. Zu den fortschrittlichsten und zahlenmäßig bedeutendsten Wehren gehörte die von Heinrich Dorrenbach und Paul Wieczorek am 11. November 1918 gegründete Volksmarinedivision. Sie setzte sich überwiegend aus Matrosen der ehemaligen kaiserlichen Kriegsflotte zusammen, die der Berliner Arbeiterschaft entstammten. Der Einfluß des Spartakusbundes auf Teile der Matrosen trug mit dazu bei, daß Volksmarinedivision als straff organisierte militärische Formation mit 3 200 Mann (November/Dezember 1918) als einzige bewaffnete Formation Berlins treu an der Seite der revolutionären Arbeiter stand. Immer herrschte hier das Grundprinzip: „Niemals wird die Marine es zulassen, daß sie als Waffe des Kapitals gegen die Proletarier gebraucht wird …“4. Deshalb genoß die Division großes Ansehen bei den Volksmassen und stellte im November und Dezember einen bedeutenden militärischen, politischen und auch moralischen Faktor in Berlin dar. Dieses Ansehen in der Berliner Arbeiterklasse war ein bedeutender Kraftquell für das Handeln der Matrosen. Die Verbundenheit von Volk und revolutionären Streitkräften bewährte sich überzeugend am 24. Dezember 1918. Der offenen Reaktion und den rechten sozialdemokratischen Führern, denen es nicht gelungen war, die Revolution zu verhindern und die sich mit „dem Rat der Volksbeauftragten“ an die Spitze gestellt hatten, um die Volksbewegung in reformistische Bahnen lenken und sie schließlich niederschlagen zu können, war die Volksmarinedivision von Anfang an ein Dorn im Auge. Nun glaubten sie den Zeitpunkt für gekommen, die Volksmarinedivision mit Hilfe verhetzter Fronttruppen, die noch keine Berührung mit den revolutionären Vorgängen in Deutschland hatten zerschlagen zu können. Trotz zwanzigfacher Übermacht und Einsatz von schwerer Artillerie erreichten die konterrevolutionären Truppen ihr Ziel nicht. Im Gegenteil! Zehntausende Berliner Werktätige, bewaffnete Arbeiter, Soldaten und Matrosen kamen den Matrosen der Volksmarinedivision zur Hilfe. Die Soldaten wagten es nicht, auf das eigene Volk, auf Frauen und Kinder zu schießen. Sie ließen sich entweder entwaffnen oder zogen sich zurück. Sie waren keineswegs so „zuverlässig“, wie die Konterrevolution gerechnet hatte. Gescheitert war damit nicht nur das verbrecherische Vorhaben der Vernichtung der Volksmarinedivision, sondern darüber hinaus der ursprüngliche Plan der Militaristen und der rechten Führer der Sozialdemokratie – seit dem 10. November durch das unheilvolle Bündnis Ebert/Groener liiert – die Revolution mit Hilfe „zuverlässiger“ Fronttruppen gewaltsam niederzuschlagen. Zu Beginn der Revolution hatten sie noch diese Hoffnung, aber am 24. Dezember verloren sie diese Truppen und waren zeitweilig in der Hauptstadt ohne bewaffnete Stütze. General Groener selbst bezeichnete die Tage vom 24. und 29. Dezember 1918 als die „schlimmste Zeit“, weil in Berlin nur noch 150 Mann standen, auf die er sich verlassen konnte.5 Die von der Front heimkehrenden Truppen, das wurde sichtbar, ließen sich für den Kampf gegen das eigene Volk nicht gebrauchen.

Es offenbarte sich eine entscheidende militärische Lehre: Einmal wird die Kraft sichtbar, die in der engen Verbindung von Volk und Armee ruht. Und es ließen sich die Potenzen erkennen, die aus der Einheit von Volk und Armee in einem sozialistischen Staat erwachsen. Zum anderen wurde deutlich, daß dort, wo revolutionäre Streitkräfte von den Volksmassen isoliert blieben oder die Werktätigen sich nicht auf bewaffnete Revolutionsstreitkräfte stützen konnten, sich die Reaktion bald durchzusetzen vermochte. …

Berlin, Militärwesen Nr. 10/ 1988

1 W. I. Lenin, Rede auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß für Bildungswesen, 28. August 1918. In: Werke, Bd. 28, Berlin 1959, S. 73.

2 Dokumente zur Geschichte der SED, Band 1, Berlin 1981, S. 155.

3 Protokoll des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919), Berlin 1972, S. 319.

4 Vossische Zeitung (Berlin), 10. November 1918.

5 Wrobel, K., Die Volksmarinedivision, Berlin 1957, S. 42.

6 Der Dolchstoßprozeß in München, München 1925, S. 225.