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1917 - Chronik der Ereignisse

 

Das Jahr ist geprägt durch die Schrecken des nun vierjährigen Weltkrieges. Kriegsmüdigkeit breitet sich rasant aus. Die Generalstäbe auf beiden Seiten der Front dagegen hoffen auf Sieg und verhindern ernsthafte Friedensbemühungen. Unermessliche Verluste an Menschenleben und immer neue Einberufungen. Neben dem Kriegseintritt der USA sollte jedoch 1917 vor allem eine Entwicklung das Kriegsende befördern: Im Februar beginnt, aus dem Elend der Bevölkerung heraus, eine Kette russischer Revolutionen - und mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution dann der Beginn einer Welle europäischer Revolutionen während des Krieges und gegen ihn. So auch in Deutschland ein Jahr später. In der zensierten deutschen Presse wird die russische Oktoberrevolution Ende des Jahres 1917 zunächst begrüßt, da die neue Regierung der Volkskommissare zu Friedensverhandlungen bereit ist. Entlastung an der Ostfront gibt der deutschen Generalität die Hoffnung, mit nur einer Front im Westen gegen Frankreich, Großbritannien und die USA zu siegen. Die Arbeiter sind von der russischen Revolution weltweit begeistert; selbst in den USA finden die Lehren der erfolgreichen russischen Bolschewisten so viel Resonanz, dass Präsident Wilson Maßnahmen gegen sozialistische Agitatoren ankündigt.

Die Ernährungsnot der Bevölkerung erreicht auch in Deutschland ein unerträgliches Maß. Kohlrüben werden zum Ersatz für Kartoffeln und Brot (90 Kohlrüben-Kochrezepte kann man im Charlottenburger Rathaus für 20 Pfennig erwerben), ohnehin limitierte Abgabemengen für Fleisch und Fett werden herabgesetzt, die Preise haben sich verdreifacht, der Schleichhandel grassiert. In den Schulen des Deutschen Reiches werden Schüler mit ihren Lehrern zum Sammeln von „Unkräutern“ für die Bereicherung des täglichen Tisches aufgerufen. 260.000 Menschen sterben 1917 an Mangelernährung, so die Statistik des Reichsinnenministeriums. Die Elendskrankheiten Ruhr und Typhus nehmen vor allem in den Städten zu. Lebensmittelknappheit steigert Beschaffungs-Prostitution. Der Metallbedarf der Front lässt das Hartgeld in Deutschland und seinen annektierten Gebieten knapp werden. Zuerst werden alle Fünf-Pfennig-Stücke aus Kupfer eingezogen. Der allgemeine Hartgeld-Mangel lässt z.B. die Rentenkasse auf Kleingeldauszahlung verzichten - zu ihren Gunsten. In Berlin bricht der Schrippenstreit aus, als das schwarze deutsche Einheitskriegsbrot eingeführt wird. Die Reichsbekleidungsstelle geht mit einer neuen Verordnung gegen „stoffverschwendende Mode“ vor und schreibt dem Privatmenschen die Anzahl der Kleidungsstücke vor. Ein Arbeitssuchender kommt auf 6 freie Stellen. Fast 70 Prozent der Stellen sind mit Frauen besetzt und frühere Arbeitszeitbegrenzungen auf höchstens 10 Stunden aufgehoben. Der zivile Personenverkehr kommt allmählich zum Erliegen, die Pferde fehlen, sind an der Front, und in der Heimat fallen sie der wachsenden Hungersnot zum Opfer. Truppentransporte schlucken die Kapazität des Schienennetzes, den Nahverkehrs-Omnibussen fehlt es an Personal und Treibstoff, die Fahrradhändler sind ausverkauft und die medizinische Prothetik hat Hochkonjunktur. Die Oberste Heeresleitung, sie sorgt sich um die Beeinträchtigung der Kriegsdisziplin durch Jammerbriefe aus der Heimat und lässt in der Zeitung veröffentlichen: „Macht sie nicht mit solchen Jammerbriefen dem Kämpfer draußen an der Front das Herz schwer? … Ihm wird das Sterben fürs Vaterland nicht leichter, wenn er weiß, daß seine Lieben zu Hause mit Sorgen zu kämpfen haben …“ Selbst das in den ersten Kriegsjahren Krieg und Vaterlandsliebe verherrlichende Theater beginnt 1917 mehr und mehr pazifistische, sogar anarchistische Stücke zu spielen. Kurz: Die Stimmung der Menschen und ihr Kriegsdurchhaltewillen sinken 1917 rapide. Streiks in Deutschland und weltweit beginnen das Jahr zu prägen. Bereits im Vorjahr, am 28. Juni 1916, hatte Deutschland seinen ersten politischen Massenstreik: „Die Dreher streiken für Liebknecht.“ An diesem Tag legen in Berlin 55.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Berliner Rüstungsbetriebe die Arbeit nieder, um gegen den Liebknecht-Prozess zu protestieren. Die Wut, die dem Prozess gegen den kämpferischen Friedens-Märtyrer Karl Liebknecht folgt, sprengt das von Gewerkschaftsführern und -instanzen zu Kriegszeiten verordnete Streikverbot. Die konspirativen betrieblichen Obleute haben nun die Organisation übernommen, SPD-Partei- und Gewerkschaftsführer stehen dem Streik ebenso ratlos gegenüber wie die Berliner politische Polizei und denunzieren die Aktion als „Landesverrat“. Die Notlage der Massen, die Vertröstung auf Änderung der Zustände nach deutschem Sieg, auch Nachrichten aus Russland ermutigen den Kreis betrieblicher Obleute, am 15. April 1917– auf der Generalversammlung der Berliner Metallarbeiter - einen Streikbeschluss herbeizuführen. Der Streik kann durch die amtlichen Gewerkschaftsführer nicht mehr verhindert, wohl aber können politische Forderungen weitgehend unterbunden werden. 300.000 legen die Arbeit nieder, die Regierung verspricht, wieder mehr Fleisch, Brot und Kartoffeln zu geben. Niederlagen in den ersten zwei Massenstreiks, aber auch die Erfahrung, welche ungeheure Macht mit dem politischen Massenstreik freigesetzt werden kann, und revolutionäre Forderungen aus dem Streik der Leipziger Arbeiter führen zu weiterem Vertrauensverlust gegenüber bestallten Gewerkschaftsfunktionären, und seitens des regierenden Oberkommandos und der Unternehmerschaft zum Paralysieren der Streik-Akteure durch Einziehung an die Front.

Seit dem 6. April gibt es in Deutschland zwei sozialdemokratische Parteien: Die SPD und die U(nabhängige)SPD, die sich an diesem Tage gründet - die Mehrheitssozialisten und die Unabhängigen, die einen kriegs- und staatsloyal, die anderen revolutionär, zumindest einig gegen den Krieg. Die SPD kämpft parlamentarisch um die Aufhebung des Dreiklassenwahlrechts und für die politischen Rechte der Frauen. Die USPD, ihr linker unabhängiger Flügel, verweigert der Regierung die Zustimmung zu den Kriegskrediten, weil es ein imperialistischer Eroberungskrieg ist. Der Dachverband deutscher Kapitalisten dagegen, die „Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände“, verlangt die Kriegsfortsetzung und Annektierung erbeuteter Gebiete bis zum Sieg, und sie verdienen und verdienen ...

Dann im August - Meuterei bei der deutschen Hochseeflotte! Auf einer Zusammenkunft in Kiel – von Albin Köbis und Max Reichpietsch einberufen – wird ein Soldatenbund gegründet, der die Friedenspolitik der USPD unter den Mannschaften der Kriegsmarine popularisieren und Widerstandsaktionen auf den Schiffen initiieren soll. Als Exempel für Sympathisanten der USPD werden die Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis vom Marine-Kriegsgericht in Wilhelmshaven zum Tode verurteilt – das Ziel der Meuterer, ein annexionsloser Frieden, das sei vollendeter Kriegsverrat. Am 5. September werden beide, fern der Küste, auf dem Truppenübungsplatz Köln-Wahn im Geheimen hingerichtet. Dem Erschießungskommando wird erzählt, es handle sich bei den beiden um britische Spione. Den Angehörigen verwehrt man die Beisetzung.

 

 

13. Januar               Geheimrat Carl Duisberg, Generaldirektor der Farbenfabriken Beyer & Co. und Gründer der IG Farben, agitiert in einer Rede vor deutschen Schwerindustriellen und Generälen für die Ablösung des Reichskanzlers Bethmann Hollweg.

18. Januar               Spaltung der Sozialdemokratischen Partei: Der SPD-Parteiausschuss schließt mit 29 gegen 10 Stimmen achtzehn Parteioppositionelle aus der SPD–Reichstagsfraktion aus. Anlass ist die Durchführung einer Reichskonferenz aller Richtungen der SPD-Opposition am 7. Januar im Berliner Reichstag, auf der ein von Karl Kautsky entworfenes Friedensmanifest diskutiert wurde. Tatsächlich ist es das Problem der in der SPD wachsenden Front derjenigen, die gegen weitere Kredite an die Regierung zur Fortsetzung des Krieges sind. Mindestens seit dem 20. März 1915, als in der Abstimmung zu den dritten Kriegskrediten dreißig Fraktionsmitglieder, darunter auch Hugo Haase, vor der Abstimmung den Plenarsaal des Reichstages verließen und Karl Liebknecht und Otto Rühle dagegen votierten, schwelt der Konflikt. Auch die Burgfriedenspolitik (Kooperation mit der kaiserlichen Regierung und Verzicht auf Klassenkampf, d.h. keine Streiks, keine innenpolitischen Auseinandersetzungen) des Vorsitzenden Ebert wird nicht mehr mitgetragen. Die aus der Partei verbannten Kriegsgegner schließen sich als Reichstagsfraktion Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) zusammen und konstituieren sich im April 1917 als Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD).

1. Februar               Auf Befehl des Kaisers und mit Zustimmung durch den Reichstag beginnt Deutschland entgegen internationaler Seekriegsregeln mit dem uneingeschränkten U-Boot Krieg. Handelsschiffe des Gegners oder neutraler Staaten werden nicht mehr beschlagnahmt, sondern versenkt. Die deutsche Presse feiert Quantitäten versenkter Bruttoregistertonnen, und unter den deutschen Arbeitern wächst das Unbehagen gegenüber einer Kriegsführung, die Deutschland noch mehr Feinde bringt und den Krieg verlängert.

16. Februar             Beginn der Streikwelle in den Bergbaurevieren und Metallbetrieben des Rhein-Ruhrgebietes und Westfalens, die bis zum 22. Februar verläuft. Weitere Massenaktionen gibt es in zahlreichen anderen Städten. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach Lohnerhöhungen und besserer Lebensmittelversorgung.

25. Februar             Carl Duisberg, Generaldirektor der Farbenfabriken Beyer & Co., und der Großindustrielle Emil Kirdorf (Kohle, Stahl; Gründungsmitglied des Alldeutschen Verbandes, des Vereins Freie Ukraine, des Kolonialvereins und des Flottenvereins) organisieren im Kaisersaal des Berliner Hotels Adlon für 32 Industrieelle und Militärs eine Veranstaltung, in deren Einladung es heißt: „Mehr denn je ist es unsere vaterländische Pflicht, die Entlassung Bethmann Hollwegs zu verlangen.“ In seiner Rede führt Duisberg aus: „Wir sind ganz auf Krieg und Gewalt eingestellt, und das Beste wäre, wenn diese Sachlage auch äußerlich zum Ausdruck käme, daß der Marschall (Hindenburg) auch Kanzler wäre … Wenn der Marschall im Felde siegt, siegt auch der Kanzler in der Politik. Denn jetzt ist Politik gleich Krieg und Krieg gleich Politik.“ Er erklärt, im Einverständnis mit der Obersten Heeresleitung (Ludendorff und Hindenburg) zu handeln. Gustav Stresemann, industrieller Interessenvertreter und ab 1917 Partei- und Fraktionsvorsitzender der Nationalliberalen Partei, hatte den Kaisersaal bestellt.

8. März                   Beginn der Februar-Revolution in Russland (nach dortigem Kalander der 23. Februar): 3. März: Streik der Arbeiter der Putilow-Werke, eines Rüstungsbetriebs, gegen die zaristische Regierung. 9. März: Erste schwere Zusammenstöße mit Militär und Polizei bei einer Arbeiterdemonstration in Petrograd. 10. März: Generalstreik in Petrograd; auf Befehl des Zaren schießt das Militär auf Demonstranten. 11. März: Die Abgeordneten der Duma weigern sich, dem Befehl des Zaren nachzukommen und das Parlament aufzulösen. Die Soldaten der Petrograder Garnison gehen zu den streikenden Arbeitern über; bewaffneter Aufstand. 12. März: Die Duma bildet ein Exekutivkomitee aus Mitgliedern aller größeren Parteien, daneben Bildung eines Sowjets (Sowjet = Rat) der Arbeiterdeputierten als Gegenregierung. 14. März: Gewählte Soldatenvertreter treten dem Exekutivkomitee des Arbeiter- und nun auch Soldatendeputiertenrates bei. Der Rat wendet sich an alle Truppen und befiehlt, unverzüglich Komitees aus gewählten Vertretern der Mannschaften zu wählen, denen die Verantwortung über die Bewaffnung zu übertragen sei. Als Repräsentant der Volksmehrheit besitzt der Sowjet die faktische Autorität in Russland. 15. März: Die Duma proklamiert die Bildung einer provisorischen Regierung unter Fürst Lwow und proklamiert bürgerliche Grundrechte. Zar Nikolaus II. unterzeichnet die Abdankungsurkunde zugunsten seines Bruders, der jedoch ebenfalls auf den Thron verzichtet. 18. März: Die provisorische Regierung erklärt, nach der siegreichen Revolution weiter an der Seite der alliierten Verbündeten bis zum Sieg zu kämpfen. 20. März: Der Petrograder Sowjet beschließt die Bildung einer Arbeitermiliz. 21. März: Die provisorische Regierung lässt die Ex-Zarenfamilie internieren. 27. März: Der Petrograder Sowjet ruft im Gegensatz zur provisorischen Regierung die Proletarier und Werktätigen aller Länder zu Frieden ohne Kontribution und Annexion auf.

1. April                    In Deutschland wird eine erneute Senkung der Rationen für Brot und Kartoffeln angekündigt.

                              Kriegserklärung der USA an Deutschland.

6. April                    Die USA unter Präsident Wilson treten auf der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg ein.

6. April                    Beginn der bis zu 8. April verlaufenden Reichskonferenz der sozialdemokratischen Opposition, der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft (SAG). Sie konstituiert sich in Gotha zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) mit erheblichem Anhang. Ihr Vorsitzender wird der vormalige Vorsitzende der SPD Hugo Haase. An der Veranstaltung nehmen 15 oppositionelle Reichstagsabgeordnete und Delegierte aus 91 sozialdemokratischen Wahlkreisorganisationen teil, insgesamt 143 Teilnehmer, darunter Wilhelm Dittmann, Eduard Bernstein, Karl Kautsky, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Es entsteht damit die erste Partei, die sich gegen den Krieg und für den Frieden erklärt und in grundsätzlicher Opposition zum herrschenden Regierungssystem steht. Der Spartakusbund um Liebknecht und Luxemburg schließt sich der USPD als selbständige Gruppe an. In Berlin tritt die Mehrzahl der Sozialdemokraten über; die SPD verliert fast 70.000 Mitglieder.

6. April                    Vom 6. Bis 23. April, organisiert durch betriebliche Obleute kommt es in Deutschland zum zweiten Massenstreik in zahlreichen deutschen Städten, so in Leipzig, Magdeburg, Kiel, Hamburg, Bremen und Nürnberg. In Berlin beteiligen sich vom 16. bis 18. April 300.000 in 319 Betrieben. Zahlreiche Demonstrationszüge bewegen sich in verschiedenen Gegenden der Stadt, im Zentrum und in den Außenvierteln. In der Knorr-Bremse und in der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik wird der erste Arbeiterrat gewählt. Der Belagerungszustand ist für einige Zeit gebrochen, die streikverbietende SPD-Burgfriedenspolitik außer Kraft gesetzt. Begünstigt durch die Verhaftung und Einziehung Richard Müllers, des Führers der konspirativen betrieblichen Obleute, zum Militär gelingt es der amtlichen Gewerkschaftsführung unter Leitung des Bevollmächtigten der Verwaltungsstelle, des SPD-Gewerkschaftsführers Adolf Cohen - der den Berliner Massenstreik nicht verhindern kann - den Streik jedoch ohne politische Forderungen verlaufen zu lassen. Auch kann die gewerkschaftliche Vertreterkonferenz unter dem Druck der regierungsseitig angedrohten Verhängung des Kriegsrechts und der Erwägung, Gefangene, darunter Richard Müller, auf freien Fuß zu setzen, den vorzeitigen Abbruch des Streiks erreichen. Die Arbeit wird am 18. April wieder aufgenommen, ein Teil setzt den Streik bis zum 24. fort. Müller wird erst drei Monate später vom Militär entlassen.

Die Streikenden in Leipzig dagegen bilden Arbeiterräte und stellen politische Forderungen auf: 1. Ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit billigen Lebensmitteln und Kohlen, 2. Eine Erklärung der Regierung zur sofortigen Friedensbereitschaft unter Verzicht auf jede offene und versteckte Annexion, 3. Aufhebung des Belagerungszustandes und der Zensur, 4. Sofortige Aufhebung aller Schranken des Koalitions-, Vereins- und Versammlungsrechtes, 5. Sofortige Aufhebung des schändlichen Arbeitszwanges, 6. Sofortige Befreiung der wegen politischen Vergehens Inhaftierten und Verurteilten, Niederschlagung der politischen Strafverfahren, 7. Volle staatsbürgerliche Freiheit, allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht zur Wahl für alle öffentlichen Körperschaften im Reich, in den Bundesstaaten und in den Gemeinden. Die von den Leipziger Streikenden zum Reichskanzler entsandte Kommission wird nicht empfangen.

Nach der Niederschlagung des zweiten Massenstreiks erklärt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, dass in Zukunft jeder Ausstand in den kriegswichtigen Industriebetrieben als Sabotage angesehen werde. Der Chef der Obersten Heeresleitung Generalleutnant Groener gibt im Vorfeld des 1. Mai ein Flugblatt an die Rüstungsarbeiter heraus und erklärt darin: „Ein Hundsfott, wer streikt, solange unsere Heere vor dem Feind stehen!“ Angeordnet wird die „Aufklärung“ über „Arbeit bis zum glücklichen Ende des Krieges“ und rücksichtsloses Vorgehen gegen alle, die „zum Streik hetzen“. In allen Rüstungsbetrieben ist ein entsprechender Brief Hindenburgs in Auswertung des Massenstreiks anzuschlagen. Die Gewerkschaften werden aufgefordert, die von Hindenburg verlangte Aufklärung zu organisieren. In einer späteren Ergebenheitsadresse sichern sie die Umsetzung zu und erklären sich einverstanden mit der Forderung, Arbeitseinstellungen zu vermeiden, was wiederum den Unmut der Arbeiterschaft nachhaltig erhöht.

7. April                    In Kenntnis des Schicksals des russischen Zaren kündigt Kaiser Wilhelm II. für die Nachkriegszeit eine Reform des preußischen Wahlrechts und Verfassungsänderungen an. In Preußen besteht immer noch Dreiklassenwahlrecht. (Wähler sind nach Steuerleistung eingeordnet, der größte Steuerzahler hat die meisten Stimmen.)

16. April                  Wladimir Iljitsch Lenin und weitere Revolutionäre treffen nach der Rückkehr aus dem Schweizer Exil in Petrograd ein. Das deutsche Außenministerium hatte im März erfahren, dass Lenin versprochen habe, Druck auf die russische Provisorische Regierung auszuüben, um den Friedensschluss mit dem Deutschen Reich zu beschleunigen, woraufhin Reichskanzler Bethmann Hollweg der Gruppe freies Geleit gewährt hatte.

20. April                  „Aprilthesen“ Lenins in der „Prawda“ veröffentlicht: Beendigung des Krieges durch einen wahrhaft demokratischen Frieden, nicht durch einen Gewaltfrieden, sei ohne Sturz des Kapitals unmöglich. Gefordert: Keine parlamentarische Republik, sondern eine Republik der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande. Wählbarkeit der Beamten, Enteignung aller Gutsbesitzerländereien. Nationalisierung des gesamten Bodens. Nicht Einführung des Sozialismus als unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet (Rat) der Arbeiterdeputierten.

26. April                  Bezüglich der Forderung Generalfeldmarschalls von Hindenburg an den Chef des Kriegsamtes, Generalleutnant Gröner, die Streiks in den Rüstungsbetrieben als unsühnbare Schuld am Heer bezeichnet, erklären die Zentralleitungen der Gewerkschaften und Angestelltenverbände am 26. April sich grundsätzlich einverstanden, merken aber an, dass die Verweigerung der Waffenherstellung der Missstimmung der arbeitenden Bevölkerung infolge unzureichender Maßnahmen der Ernährungspolitik und Preisen, die sie nicht bezahlen können, sowie unzureichender Entlohnung entspringt.

7. Mai                      In Petrograd und an der Front kommt es zu Protesten russischer Soldaten gegen die Kriegspolitik der provisorischen Regierung.

16. Juni                   Im ersten Allrussischen Rätekongress macht Lenin die Auffassung der Bolschewiki deutlich: Sowjets, als basisdemokratische Arbeiter- und Soldatenräte, werden als Regierung neuen Typs von der Revolution geschaffen, so auch 1792 und 1871 in Frankreich. Sie können nicht neben einer bürgerlichen Regierung bestehen. Der Kongress spricht sich jedoch für die Teilnahme der Sozialisten an der bürgerlichen provisorischen Regierung und der Weiterführung des Krieges aus. Das Räte-Programm der Bolschewiki bezeichnet als schnell realisierbare Aufgabe im Hinblick auf die Wirtschaftskrise: „Veröffentlichung all der unglaublichen Profite fordern, die 500 bis 800 Prozent erreichen und die die Kapitalisten nicht auf dem freien Markt im ‚reinen‘ Kapitalismus, sondern durch Kriegslieferungen einstreichen.“

27. Juni                   Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg empfängt die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann (Fraktionsvorsitzender) und Eduard David (Mitglied des Fraktionsvorstandes) und beauftragt sie, ihm eine Denkschrift zur aktuellen politischen Lage zuzuleiten. Der Reichskanzler reagiert auf die sich massiv verschlechternde Stimmung in der Bevölkerung und versichert sich der SPD und ihres Einflusses in der Arbeiterschaft. Ziel sind innenpolitische Reformen gegen oppositionelle Tendenzen. Die beiden Repräsentanten der SPD schildern eindringlich die sich ausbreitende Not in großen Teilen des Volkes, kritisieren das Ausbleiben einer Veränderung des politischen Systems in Richtung bürgerlich-parlamentarischer Verhältnisse und die absurden Kriegsziele des Alldeutschen Verbandes, einer expansionistisch-militaristischen Agitationsvereinigung nationalistisch-rassistischer Ausprägung.

6. Juli                      Der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger regt im Hauptausschuss des Deutschen Reichstages die Einstellung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges und die Suche nach einem Verständigungsfrieden bei gleichzeitiger Fortsetzung des Krieges an. Mit dem Vorschlag soll dem Versagen des U-Boot-Einsatzes Rechnung getragen und zugleich die Zustimmung der SPD-Fraktion zu den Kriegskrediten gesichert werden. Die SPD und die Fortschrittliche Volkspartei hatten diese Forderung bereits erhoben, und die Zustimmung zu den Krediten durch die Sozialdemokraten gilt nicht mehr als sicher, hatten SPD Abgeordnete Erzberger zugetragen. Sie planen, einen Antrag einzubringen, aufgebaut auf der russischen Formel: „Ohne Annexionen und Kontributionen, Selbstbestimmungsrecht der Völker.“ Im Gefolge wird durch die Parlamentsmehrheit aus SPD, Zentrum und Fortschrittlern ein interfraktioneller Ausschuss gebildet, der eine Friedensresolution entwirft.

13. Juli                    Die Oberste Heeresleitung nutzt die seit dem 6. Juli laufende parlamentarische Diskussion um notwendige innenpolitische Reformen und die als erste Fassung vorliegende Friedensresolution der Reichstagsmehrheit für den Sturz des Reichskanzlers. Der parlamentarische Entwurf der Resolution eines Friedens der Verständigung und die Einführung des gleichen Wahlrechts ist ihnen Vorwand für ihr ultimatives Abschiedsgesuch an den Kaiser. Kaiser Wilhelm II. lehnt ab und verfügt die Entlassung des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, der gleichsam vor einem Putsch der Großindustriellen, des Militärs, im Bunde mit dem Kronprinzen und Parteiführern mit seinem Entlassungsgesuch an den Kaiser kapituliert. Schon seit Anfang Juli hatte Oberstleutnant Max Hermann Bauer, ein Freund Friedrich Carl Duisbergs und wichtiger Offizier in der Obersten Heeresleitung, auch Berater Ludendorffs, unter Politikern verbreitet, dass Hindenburg und Ludendorff den Kaiser gewarnt hätten, sie könnten nicht länger mit Bethmann Hollweg zusammenarbeiten. In Berlin hatte sich derweil Kronprinz Friedrich Wilhelm am 11. und 12. Juli mit den Parteiführern des Reichstages in Verbindung gesetzt, woraufhin der Reichskanzler auch den parlamentarischen Rückhalt für seine neue Politik verlor.

                              Neuer Reichskanzler bis 1. November wird der eher unbekannte und ob seiner Berufung selbst sehr erstaunte vormalige Unterstaatssekretär im preußischen Finanzministerium und Staatskommissar für Ernährung, Georg Michaelis. Der Wunschkandidat der Obersten Heeresleitung betont nach seiner Ernennung gegenüber den Vertretern der Mehrheitsparteien des Reichstages, „daß er sein Amt in steter Übereinstimmung mit der Obersten Heeresleitung führen wolle“, erinnert sich Erzberger.

17. Juli                    In Petrograd lässt die Provisorische Regierung Russlands mit Einverständnis der sozialdemokratischen Menschewiki und der Sozialrevolutionäre eine Demonstration gegen die von ihr angeordnete Offensive an der Front gegen die Mittelmächte mit Maschinengewehren zusammenschießen. Nach der Niederschlagung der Proteste treten mehrere Minister zurück. Der Sozialrevolutionär Alexander Kerenski, bis dahin Kriegs- und Marineminister, hatte auf der Offensive bestanden und wird nun als Ministerpräsident Russlands eingesetzt.

19. Juli                    Die Friedensresolution, die einen Verständigungsfrieden zur Beendigung des Ersten Weltkrieges fordert, wird vom Deutschen Reichstag angenommen: „Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche oder finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar …“ Gegen den Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger, den Haupturheber der Resolution, organisieren die Alldeutschen mit Unterstützung des Militärs und der neu gegründeten Vaterlandspartei eine enorme Hetzkampagne.

25. Juli                    Im Wilhelmshavener Lokal „Tivoli“ findet eine Versammlung von Vertrauensleuten mehrerer Schiffe der kaiserlichen Marine statt. Max Reichpietsch leitet die Versammlung, in der er fordert, dass dem Krieg mit Gewalt ein Ende gemacht werden muss. Eine Koordinierungsgruppe wird gewählt und plant die Organisation einer Friedensdemonstration, gemeinsam mit Werftarbeitern.

2. August                 Auf Initiative von Albin Köbis gehen mehrere hundert Matrosen und Heizer der „Prinzregent Luitpold“ von Bord. Vorausgegangen war die Arretierung von elf Matrosen aus einer Gruppe von 49 Mann, die sich am 1. August einen zweistündigen unerlaubten Landgang genehmigt hatten. Wiederum waren Verhaftungen die Folge. Die Untersuchung des Vorfalls durch Kriegsgerichtsrat Alfred Dobring und seine Kollegen Loesch und Breil zielt von Anbeginn darauf, die USPD-Führung als vermeintliche Anstifter hierin zu verwickeln, um einen Anlass zum Verbot der USPD liefern zu können. Ausgangspunkt der Befehlsverweigerung selbst war die ständige Kürzung und immer häufigere Ungenießbarkeit der Rationen – „tagaus, tagein Dörrgemüse, Klippfisch oder Steckrüben und zwischendurch alten Schiffszwieback oder Steckrübenkaffee“ - vor allem auch die entwürdigende, schikanierende Behandlung der Mannschaften durch die Offiziere. Albin Köbis und sein Bruder Paul stehen in diesen Tagen in Verbindung mit dem Parteivorstand der USPD. So sprechen sie mit Dittmann, Haase und Vogtherr im Zusammenhang mit der in Vorbereitung befindlichen Friedenskonferenz in Stockholm.

9. August                 Der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Admiral Eduard von Capelle, berichtet in einem Schreiben mit dem Vermerk „Ganz geheim!“ an Reichskanzler Georg Michaelis über ein Gespräch mit dem „Führer der gemäßigten sozialdemokratischen Partei“ am gleichen Tage. Danach bezeichnete dieser Politiker die Vorgänge um die Marinevorfälle im Zusammenhang mit dem Linienschiff der kaiserlichen Marine „Prinzregent Luitpold“ als krassen Landesverrat. Der SPD-Vorsitzende versicherte, dass „die Regierung fest auf seine Partei rechnen“ könne.

15. August               Ein in den deutschen Rüstungsbetrieben geplanter Generalstreik scheitert. Zahlreiche Flugblattverteiler der USPD, mit denen zum Streik für die Erzwingung des Friedens aufgerufen wird, werden verhaftet.

16. August               Der kommandierende General von Hänisch verbietet mit Bezug auf Streiks im Herzogtum Braunschweig per Bekanntmachung Arbeitsniederlegungen in der Rüstungsindustrie. Wer als wehrpflichtiger Arbeitnehmer seine Arbeit nicht bis zum 17. August 7 Uhr wieder aufnimmt, wird zum Heeresdienst eingezogen und untersteht Militär- und Kriegsgesetzen. Falls erforderlich werden die Betriebe unter militärische Leitung gestellt, gegen die zu handeln von außerordentlichen Kriegsgerichten bestraft wird.

22. August               In Turin/Italien gehen die Demonstrationen gegen Hungersnot in den Generalstreik und einen Aufstand für die Beendigung des Krieges über. Er bleibt isoliert und wird nach fünf Tagen mit Panzern und Artillerie niedergeschlagen.

24. August               Der Staatssekretär im Reichsmarineamt Admiral Eduard von Capelle unterstützt in einer Regierungsbesprechung die Ausnutzung der Untersuchungsergebnisse im Verfahren gegen die Meuterer in Wilhelmshaven zum Vorgehen gegen die USPD.

5. September           Auf dem Schießplatz Wahn bei Köln werden der Matrose Max Reichpietsch und der Heizer Albin Köbis erschossen. Dem Exekutionskommando teilt man mit, es würden zwei englische Spione hingerichtet; man befürchtet, die Soldaten könnten die Erschießung der Kameraden verweigern. Der Chef der Hochseestreitkräfte, Admiral Reinhard Scheer, setzt die Todesurteile trotz der Bedenken wegen Rechtsbeugung durch, um der widerständigen Bewegung auf den Schiffen durch Einschüchterung Herr zu werden. (Den Angeklagten wird „Vollendeter Aufstand im Krieg“ statt der Tatbestände „Gehorsamsverweigerung“, „Meuterei“ oder „Aufruhr“ zur Last gelegt.) Da er bei Vollstreckung mit Unruhen rechnet, beantragt er beim Kriegsministerium die Genehmigung für eine Vollstreckung weit weg, in Köln, die ihm bewilligt wird. Die Verlesung des Urteils vier Tage später auf allen Schiffen steigert die Verbitterung der Mannschaften noch mehr. Die Angehörigen dürfen die Toten nicht beisetzen. Die USPD-Führer leugnen im Reichstag jede Verbindung zum Flottenstreik.

14. Oktober             Vom 14. Bis 20. Oktober findet in Würzburg der Parteitag der SPD statt. Die Zahl der Mitglieder ist von 1,1 Millionen vor dem Krieg auf 250.000 zurückgegangen. Die SPD befindet sich in einer Krise. Die Opposition hat die Partei verlassen oder ist ausgeschlossen worden. Hunderttausende Mitglieder hat die Partei seit Beginn des Krieges verloren. Damit fehlen 80 Prozent der Beitragseinnahmen. Der Parteitag bekennt sich zum Krieg; ein Antrag, keine weiteren Kriegskredite zu bewilligen, solange die Reichsregierung sich nicht zu einem Frieden ohne Gebietsannexion bekennt, wird abgelehnt. Reichstagsfraktionsberichterstatter Eduard David bezeichnet die Bewilligung der Kriegskredite 1914 als Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung. Philipp Scheidemann kündigt eine Änderung des politischen Kurses der Partei hin zu einem „praktischen Sozialismus“ an.

23. Oktober             Das Zentralkomitee der Bolschewiki beschließt auf einer konspirativen Sitzung mit zwei Gegenstimmen für den 7. November den bewaffneten Aufstand gegen die provisorische Regierung. Der Petrograder Sowjet stellt einige Tage später ein Programm zur Machtübernahme auf.

1. November            Graf Georg von Hertling (Zentrumspartei) wird bis zum 30.09.1918 Reichskanzler. Erstmals ist eine Ernennung mit dem Parlament abgestimmt. Auch unter seiner Regierung bleibt der Einfluss der Obersten Heeresleitung unangefochten hoch.

7. November            Beginn der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in Russland als Teil einer Kette russischer Revolutionen vom Februar 1917 bis zum Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik und dem Unionsvertrag zur Bildung der UdSSR 1922. Diese Revolution ist zugleich Auslöser einer Revolutionswelle gegen den Krieg und befördert die Streiks 1917 in Deutschland und weltweit, die Antikriegsbewegung in der Kaiserlichen Marine im Sommer 1917, den Munitionsarbeiterstreik in Deutschland und Österreich-Ungarn im Januar 1918 und die Novemberrevolutionen in Berlin und Wien 1918. Mit der Oktoberrevolution am 7. November erfolgt der Sturz der Provisorischen Regierung Kerenski, die - noch immer im Krieg - an seiner Beendigung kein Interesse zeigt, was zu einem enormen Anwachsen der Unzufriedenheit unter den Soldaten führt.

8. November            Beschluss des II. Gesamtrussischen Sowjetkongresses: Übernahme der Macht durch die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten. Die neue Arbeiter- und Bauernregierung ist der Rat der Volkskommissare. Vorsitzender des Rates und damit Regierungschef ist Lenin.

                              Durch die russische Arbeiter- und Bauernregierung wird als erste Deklaration das „Dekret über den Frieden“ verfasst. Es ist von Lenin ausgearbeitet und löst in der russischen Bevölkerung Begeisterung aus. Darin schlägt die neue Regierung allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen sofortige Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden ohne Annexion vor. „Diesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen Völkerschaften unter sich aufteilen sollen, hält die Regierung für das größte Verbrechen an der Menschheit …“

                              Am selben Tag wird auch das „Dekret über den Grund und Boden“ beschlossen (Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, entschädigungslose Enteignung und Überführung in Gemeineigentum des Volkes, alle Bodenschätze, Waldungen, Seen gehen in Staats- bzw. örtliche Selbstverwaltung über …).

9. November            Streik von 2.000 Arbeitern der Maschinenfabrik Thyssen & Co. in Mülheim (Ruhr).

15. November          Mit dem „Dekret über die Rechte der Völker Rußlands“ wird die Souveränität der Völker und Ethnien des einstigen Russischen Reiches und ihr Selbstbestimmungsrecht erklärt. Nationale und religiöse Diskriminierung hatten die zaristische Gesellschaft gleichsam zu einem Gefängnis der Völker gemacht. Finnland, die Ukraine, die baltischen Länder, Georgien, Armenien und Aserbaidschan erklären daraufhin ihre Unabhängigkeit.

18. November          Friedensdemonstration von Arbeitern in Berlin.

                              Die SPD begrüßt durch Hermann Müller, Robert Schmidt, Richard Fischer u.a. Mitglieder des Vorstandes in diversen Versammlungen die Oktoberrevolution in Russland.

22. November          Die Versammlung der Arbeiter- und Soldatendelegierten ganz Russlands fordert die oberste russische Heeresleitung auf, sofort Waffenstillstandsverhandlungen mit den Mittelmächten einzuleiten.

Die Vertreter der Vorstände der deutschen Gewerkschaften fordern in ihrem sozialpolitischen Arbeitsprogramm zahlreiche arbeitsrechtliche Verbesserungen, so die Einführung des Acht-Stunden-Tages.

25. November          Massendemonstrationen der Arbeiter in Berlin und Leipzig. Es ist Totensonntag. Gefordert wird die Einstellung des Krieges. Die Führung der USPD begrüßt die Machtergreifung der russischen Arbeiter als Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung und ruft zu Versammlungen für einen allgemeinen Waffenstillstand und einen annexionslosen Frieden auf, die das im Grunde regierende militärische Oberkommando sogleich verbietet. Friedensdemonstrationen der Arbeiter auch in Mannheim und Stettin. In Berlin durchbrechen die Demonstranten für diesen Frieden, den das bolschewistische Russland angeboten hat, die Sperrketten der Polizei um die Innenstadt. Am Schlesischen und Görlitzer Bahnhof, am Weddingplatz, dem Stettiner Bahnhof und Bahnhof Gesundbrunnen geht der Marsch los. In Höhe der Spandauer Straße geht es gegen die Schutzmannkette mit Steinen, Stöcken und Schirmen, bis Polizeimajor Hetschko den Befehl zum Waffengebrauch gibt.

                              Die Regierungsvorlage über die Wahlrechtsreform in Preußen wird im Preußischen Abgeordnetenhaus eingebracht.

2. Dezember            Leo Trotzki, der Volkskommissar für auswärtige Politik, informiert die mit Russland im Krieg verbündeten Alliierten über die Bereitschaft des Deutschen Reichs zu Friedensverhandlungen.

3. Dezember            Die russische Regierung, der Rat der Volkskommissare, fordert die deutschen Soldaten auf, den Kampf um den Abschluss eines Friedensvertrages zu unterstützen. „Wir ersuchen euch, uns im Kampfe für den sofortigen Frieden und den Sozialismus mit Anstrengung aller Kräfte beizustehen …“

                              Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen in Brest-Litowsk. Der sowjetrussische Verhandlungsführer Leo Trotzki und Regierungschef Lenin sind sich einig: Zeit für die Stabilisierung ihres Landes gewinnen, Schluss mit dem Krieg für russische Soldaten und dem Gerücht der Entente-Presse entgegentreten, wonach die Sowjet-Regierung eine Hohenzollernagentur und von der deutschen Regierung gekauft sei.

4. Dezember            Die Botschafter der verbündeten Entente-Staaten teilen Russland mit, dass bei einem Separatfrieden der Regierung mit Deutschland die politische, militärische und finanzielle Hilfe für das Land eingestellt wird.

5. Dezember            Abschluss eines zehntägigen Waffenstillstandes zwischen Deutschland und Russland. Der deutsche Kaiser feiert den Waffenstillstand propagandistisch als Beweis deutscher Überlegenheit.

8. Dezember            Die deutschen Eisen- und Stahlindustriellen fordern in einer Denkschrift erneut die Annexion des französischen Erzgebietes von Longwy und Briey „im Interesse der Verbesserung der deutschen Erzgrundlagen“.

                              Streik von etwa 4.000 Arbeitern der Berliner Maschinenbau-AG gegen die Einziehung von Mitgliedern der Lohnkommission zum Militär.

17. Dezember          Die Oberste Heeresleitung errechnet für das Frühjahr 1918 einen Fehlbetrag von 354.000 Mann für die Fortsetzung des Krieges.

18. Dezember          Auf Betreiben der Obersten Heeresleitung, General Ludendorff, wird in Berlin die Universum-Film AG UFA als Propagandainstrument zur Beeinflussung der Bevölkerung gegründet. Diese Gründungsintentionen werden verschleiert.

22. Dezember          Beginn der Friedensverhandlungen zwischen Sowjetrussland, Deutschland und Österreich-Ungarn. Die sowjetrussische Seite besteht auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker und lehnt die Abtrennung von Litauen, Polen und Teilen der die Ukraine umfassenden russischen Gebiete, die unter deutscher Besatzung stehen, ab, weil sie nicht durch den Willen der Völker entsteht. Die oberste deutsche Heeresleitung bleibt bei ihrer annexionistischen Haltung. In Deutschland ruft die Spartakusgruppe unter dem Titel „Die Stunde der Entscheidung!“ auf: „Arbeiter und Arbeiterinnen! An uns liegt es, diese verbrecherischen Pläne des Imperialismus zu durchkreuzen. Unsere Aufgabe ist es, den Separatfrieden, den die deutsche Regierung anstrebt, durch unseren Willen, unsere Tatkraft, unseren Kampf in einen allgemeinen Frieden zu verwandeln.“

26. Dezember          In Russland veröffentlicht der Rat der Volkskommissare eine „Verordnung über die Bodenreform“, mit der der Großgrundbesitz und Überreste der Leibeigenschaft in Russland abgeschafft werden sollen. Die Umsetzung obliegt den örtlichen Boden-Komitees und den Kreis-Sowjets.

31. Dezember          Die deutsche Grafikerin, Malerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz schreibt über das Jahr in ihrem Tagebuch: „Gegeben hat es neue Ausblicke durch Rußland. Von da ist etwas Neues in die Welt gekommen, was mir entschieden vom Guten zu sein scheint. Eine neue Hoffnung, daß in der Entwicklung der Völker in der Politik nicht wie bis jetzt nur Macht entscheidet, sondern daß ‚von nun an‘ auch die Gerechtigkeit mitwirken soll. Die Russen haben gezeigt, daß eine Möglichkeit dazu da ist, und dies ist vielleicht das schönste geistige Erlebnis im letzten Jahr gewesen.“