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Sozialistische Revolution oder Vollendung der bürgerlichen? Walter Nimtz, 1957

Zu einigen Fragen der Novemberrevolution von 1918/1919 in Deutschland

 

Walter Nimtz

 

Die Novemberrevolution von 1918/1919 in Deutschland war eines der bedeutendsten Ereignisse in dem mehr als hundertjährigen Kampf der deutschen Arbeiterklasse um ihre Befreiung. Sie war der Versuch der revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse, Deutschland aus der nationalen Katastrophe am Ende des ersten Weltkrieges auf den Weg des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus zu führen. Obwohl die Arbeiterklasse, in der Novemberrevolution eine Niederlage erlitt und ihre historische Aufgabe nicht erfüllen konnte, war die Novemberrevolution doch von großer Bedeutung, nicht nur, weil aus dem halbabsolutistischen kaiserlichen Deutschland die bürgerlich-demokratische Weimarer Republik entstand, sondern vor allem, weil sie der deutschen Arbeiterklasse entscheidende Lehren und Erfahrungen für den weiteren Kampf gegen die volksfeindlichen deutschen Imperialismus und Militarismus vermittelte.

Die Auswertung der Lehren und Erfahrungen der Novemberrevolution hat nach 1945 bei der Lösung der vor der Arbeiterklasse und ihrer Partei stehenden Aufgaben wiederholt eine wichtige Rolle gespielt und ist auch gegenwärtig im Kampf um ein einheitliches, friedliebendes und demokratisches Deutschland von großer aktueller Bedeutung.

Mit Recht nehmen daher die Erforschung und Klärung der Fragen der Novemberrevolution einen wichtigen Platz in den Arbeiten und Diskussionen der Historiker und Propagandisten unserer Republik ein. Auch in der Sowjetunion haben sich Historiker in letzter Zeit mit Fragen der Novemberrevolution beschäftigt und uns mit einer Reihe von Veröffentlichungen wertvolle Hilfe und Unterstützung erwiesen.1) Dabei hat sich gezeigt, daß es in einer Reihe von Fragen unterschiedliche Auffassungen und Einschätzungen gibt, die einer weiteren Diskussion und Klärung bedürfen.

Die historischen Aufgaben der Novemberrevolution in Deutschland

Eines der umstrittenen Probleme ist die Frage nach den historischen Aufgaben der Novemberrevolution in Deutschland. In dieser Frage stehen sich zwei unterschiedliche Auffassungen gegenüber. Die eine geht dahin, daß 1918 in Deutschland die sozialistische Revolution auf der Tagesordnung stand, die, infolge der Besonderheiten der geschichtlichen Entwicklung Deutschland, als unmittelbare Teilaufgabe noch die restlichen Aufgaben der unvollendeten bürgerlich-demokratischen Revolution lösen mußte. Die andere Auffassung geht davon aus, daß 1918 in Deutschland der Kampf um den Sozialismus auf der Tagesordnung stand. Da aber verschiedene Aufgaben bürgerlich-demokratischen Charakters noch nicht gelöst waren, hätte sich die Arbeiterklasse darauf orientieren müssen, zunächst in der ersten Etappe die bürgerlich-demokratische Revolution zu vollenden und diese dann in die zweite Etappe, in die sozialistische Revolution, überzuleiten.

Für diese letztere Auffassung versucht W. F. Schälike in seinem Artikel „Einige Probleme der Revolution von 1918/1919 in Deutschland“2) eine Begründung zu geben, mit der man sich meines Erachtens gründlich auseinandersetzen muß. Seiner Meinung nach bestanden die Aufgaben der Novemberrevolution darin, „die Monarchie … zu stürzen, die Agrarfrage zu lösen und bürgerlich-demokratische Freiheiten zu erlangen“.3) Es war nicht möglich, „die bürgerlich-demokratische Etappe zu übergehen“, weil die Aufgaben der Revolution in erster Linie „bürgerlich-demokratischen, nicht aber sozialistischen Charakter“ trugen.3) Zur Begründung seiner Auffassung schreibt W. F. Schälike:

„In Wirklichkeit herrschte in Deutschland am Vorabend der Revolution eine Situation, in der Probleme in den Vordergrund traten, durch welche die Revolution noch nicht über den Rahmen einer demokratischen Umwälzung hinausgeführt und die Grundlagen des Kapitalismus nicht angetastet wurden.“3)

Die Klärung der Frage nach den historischen Aufgaben der Arbeiterklasse in der Novemberrevolution ist wichtig, weil sie das objektive Kriterium für die Beurteilung und Einschätzung der Grundlinie der Politik der Klassen und Parteien, vor allem des Spartakusbundes und der SPD- und USPD-Führung, während des Heranreifens und des Verlaufs der Revolution bildet. Stimmt man der Meinung W. F. Schälikes zu, so muß man zu dem Schluß kommen, daß die prinzipielle Orientierung auf die sozialistische Revolution, die die Spartakusgruppe der Arbeiterklasse gab, nicht richtig war. Ebenso müßte die bisherige Einschätzung der Politik der SPD- und USPD-Führung überprüft werden. War nicht auch die SPD-Führung für eine „demokratische Umwälzung“, die die Grundlagen des Kapitalismus nicht antastete? Hat nicht der „Rat der Volksbeauftragten“ immerhin die durch die Massen erkämpften bürgerlich-demokratischen Freiheiten und die Republik anerkannt und proklamiert, und damit zwei der drei von Schälike formulierten Aufgaben der Revolution erfüllt?

Selbst die Großbourgeoisie war doch angesichts der Revolution zunächst mit „demokratischen Umwälzungen“ einverstanden, solange diese nicht die Grundlagen des Kapitalismus antasteten. Eine solche Aufgabenstellung konnte offensichtlich nicht die Position der Arbeiterklasse sein. Sie basiert auf einer falschen Einschätzung der Situation in Deutschland am Vorabend der Revolution.

Deutschland war eines der entwickeltsten imperialistischen Länder der Welt. Der Krieg hatte die Umwandlung des monopolitischen Kapitalismus in den staatsmonopolitischen Kapitalismus sehr beschleunigt und damit den Widerspruch zwischen dem Charakter der Produktivkräfte und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ungeheuer verschärft. Dieser Widerspruch konnte nur durch eine sozialistische Revolution gelöst werden. Vom Gesichtspunkt der objektiven ökonomischen Entwicklung war also in Deutschland die Möglichkeit und auch die Notwendigkeit für eine sozialistische Revolution gegeben.4)

Wodurch war die gesellschaftlich-politische Entwicklung in Deutschland gekennzeichnet? Die bürgerliche Revolution war in Deutschland im wesentlichen seit 1871 abgeschlossen, obwohl sie einige ihrer Aufgaben nicht gelöst hatte. Auf Grund der Besonderheiten der historischen Entwicklung war Deutschland eine halbabsolutistische Monarchie geblieben. Die privilegierte Stellung der preußischen Junker, die den Staats- und Militärapparat fast ausschließlich in ihren Händen hatten, blieb erhalten. Die Junker und Monopolisten verbanden sich im Verlaufe der Entwicklung des deutschen Imperialismus eng miteinander, so daß Lenin den deutschen Imperialismus als einen „junkerlich-bourgeoisen Imperialismus“ bezeichnete. Der Militarismus hatte seit je einen starken Einfluß, der sich während des Krieges bis zur Militärdiktatur General Ludendorffs steigerte. Deutschland hatte also eine besonders reaktionäre und volksfeindliche gesellschaftliche Ordnung, deren Auswirkungen es während des Krieges zu einem „Militärzuchthaus für die Arbeiter“5) machten und breite werktätige Schichten ruinierten. Bei alledem aber war Deutschland ein typisches imperialistisches Land, wobei die historischen Besonderheiten vornehmlich die konkreten Formen und Methoden bestimmten, mit denen der junkerlich-bourgeoise deutsche Imperialismus seine Herrschaft und Politik nach innen und außen verwirklichte.

Diese Besonderheiten, die halbfeudalen Überreste, die infolge der vollendeten bürgerlich-demokratischen Revolution erhalten geblieben waren, bestanden auf der Grundlage der imperialistischen Verhältnisse und waren mit ihnen so verquickt, daß sie in der Mehrzahl nicht beseitigt werden konnten, ohne die Grundlagen des Imperialismus anzutasten. Im Rahmen einer bürgerlich-demokratischen Etappe der Revolution war unter den damaligen Verhältnissen in Deutschland keine der demokratischen Grundforderungen der Arbeiterklasse und der anderen werktätigen Schichten zu erfüllen. Konnte man wirksam gegen den imperialistischen Krieg kämpfen, ohne die politische und ökonomische Macht der Kriegstreiber, der Imperialisten und Militaristen, zu brechen und damit zugleich die Kräfte des Krieges in Deutschland für immer zu beseitigen?

Ebensowenig konnte die Enteignung der Junker und die Aufteilung des Bodens im Rahmen einer bürgerlich-demokratischen Etappe der Revolution erfolgen. Die Junker und Großgrundbesitzer gehörten mit zu den Hauptkräften des deutschen Imperialismus. Ihre Enteignung hätte einen tiefen Eingriff in die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse und einen Angriff auf die Machtpositionen des Imperialismus überhaupt bedeutet. Sie wäre unter den damaligen Bedingungen nur nach einem Siege der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten möglich gewesen, der die politische und ökonomische Macht der deutschen Imperialisten gebrochen hätte. Das heißt also, daß die Entmachtung der Junker und die Durchführung einer Bodenreform nur nach einer siegreichen sozialistischen Revolution möglich waren. Bekanntlich wurden auch in Rußland die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution auf dem Lande erst durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution erfüllt. Die Novemberrevolution dagegen konnte selbst die restlichen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht lösen, weil die Arbeiterklasse nicht siegte und die Macht der Imperialisten nicht gebrochen wurde.

Leider hat W. F. Schälike in seinem Artikel solche Fragen wie: welche Klassenkräfte hätten die für die bürgerlich-demokratische Etappe von ihm formulierten Aufgaben durchführen, gegen welche Klassen hätte sich der Kampf richten und in die Hände welcher Klassenkräfte hätte die Macht übergehen müssen?, gar nicht aufgeworfen.

In Wirklichkeit war infolge der Verschärfung der Widersprüche des junkerlich-bourgeoisen Imperialismus am Vorabend der Revolution eine solche Situation entstanden, die eine sozialistische Revolution möglich und auch notwendig machte und in der selbst die restlichen Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht gelöst werden konnten, ohne die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten.

Dieser Grundgedanke, daß es für die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen nur durch die proletarische Revolution einen wirklichen Ausweg aus dem imperialistischen Völkermorden zu Frieden, Demokratie und Sozialismus geben könne, war die Kernfrage des ideologischen Kampfes, den Lenin während des ganzen Krieges gegen die offenen Opportunisten die Zentristen aller Länder führte. Der Sieg der russischen Arbeiter und Bauern in der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution hatte die Richtigkeit dieser Orientierung bewiesen.

Die Novemberrevolution begann ein Jahr nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, die auf einem Sechstel der Erde die Macht der Kapitalisten und Großgrundbesitzer brach und eine neue Ära in der Geschichte der Menschheit einleitete, die Ära der proletarischen Weltrevolution. Damit trat eine neue Etappe in der Entwicklung der revolutionären Bewegung in allen Ländern ein. Der Oktoberrevolution folgte eine Welle von Revolutionen, Massenstreiks und revolutionären Bewegungen sowohl in den imperialistischen als auch in den kolonialen und abhängigen Ländern, die die Grundfesten des Weltimperialismus erschütterten.

Die Novemberrevolution muß daher als ein Teil dieses gewaltigen Kampfes im Weltmaßstab betrachtet werden. Der deutschen Arbeiterklasse erwuchs daraus eine große internationale Verpflichtung, da sie an einem besonders wichtigen Frontabschnitt des Kampfes gegen den Weltimperialismus stand. Deutschland war eines der industriell entwickelsten Länder, in dem die großkapitalistische Technik und Organisation einen hohen Grad erreicht hatte. Dazu war es günstig im Zentrum Europas gelegen. Einen Sieg der proletarischen Revolution in Deutschland und ihr Bündnis mit Sowjetrußland wäre daher von entscheidender Bedeutung für die Veränderung des Kräfteverhältnisses in Europa und in der ganzen Welt zugunsten des Sozialismus gewesen.6)

Auch vom Standpunkt des proletarischen Internationalismus mußte es daher die Aufgabe der deutschen Arbeiterklasse in der Novemberrevolution sein, im Bündnis mit den werktätigen Schichten, besonders mit der armen Bauernschaft, nach dem Vorbild der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, die politische und ökonomische Macht der Imperialisten und Militaristen zu brechen und durch die Errichtung der Diktatur des Proletariats die Voraussetzungen für Frieden, Demokratie und Sozialismus zu schaffen.

Die Bedeutung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution für den Kampf der Arbeiterklasse aller imperialistischen Länder hob Lenin in der Auseinandersetzung mit der kleinbürgerlichen Position Kautskys in seiner Arbeit „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ hervor, in der er schrieb:

„… daß der Bolschewismus den richtigen Weg zur Rettung vor den Schrecken des Krieges und des Imperialismus gewiesen hat, daß der Bolschewismus als Vorbild der Taktik für alle geeignet ist.7)

In dem Artikel W. F. Schälikes wird zugegeben, daß mit der Epoche des Imperialismus auch in Deutschland die objektiven Voraussetzungen für die sozialistische Revolution herangereift waren. Aber weil „die Organisiertheit des Proletariats zu wünschen übrigließ und eine Partei neuen Typus fehlte, war es nicht möglich, die bürgerlich-demokratische Etappe zu übergehen.“8) Und auch die Wirklichkeit hat doch gezeigt, daß die Kräfte für eine sozialistische Zielsetzung nicht ausreichten, denn die Novemberrevolution beschränkte sich in der Tat nur auf „Maßnahmen rein bürgerlich-demokratischen Charakters“.8)

Diese Argumentation ist nicht richtig. Man kann die Frage nach den Aufgaben der Revolution nicht von der anderen Frage abhängig machen, ob es gelingen wird, die Kräfte, die zweifellos vorhanden waren, für die Verwirklichung dieser Aufgabe zu mobilisieren. Gewiß ist die letzte Frage außerordentlich wichtig, denn von ihr hängt der Erfolg der Revolution ab. Aber aus der Tatsache, die sich erst am Ende der Revolution ergab, daß die revolutionären Kräfte nicht ausreichten, um sozialistische Maßnahmen durchzuführen, kann man nicht schlußfolgern, daß die historischen Aufgaben der Novemberrevolution nur bürgerlich-demokratisch sein konnten.

Zur Klärung dieser Frage kann für uns das Beispiel der Bolschewiki in der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905/1907 sehr lehrreich sein. Lenin vertrat im Gegensatz zu den Menschewiki bekanntlich die Auffassung, daß die Arbeiterklasse sich darauf orientieren müsse, die durch die objektive ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung in Rußland herangereiften Möglichkeiten voll auszunutzen und den „allerkürzesten, den geradesten Weg zum vollen, unbedingten und entscheidenden Sieg“9) einzuschlagen. Das war in der damaligen Situation der Kampf um die „revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“. Dabei verkannte Lenin keineswegs die Schwierigkeiten dieses Kampfes. In seiner Arbeit „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ schrieb er:

„Inwiefern ein solcher Sieg wahrscheinlich ist, das ist eine andere Frage. Wir neigen in dieser Hinsicht keineswegs zu unüberlegtem Optimismus, wir vergessen keineswegs die ungeheuren Schwierigkeiten dieser Aufgabe, aber in den Kampf ziehend, müssen wir den Sieg wollen und den richtigen Weg zu ihm zeigen können. Die Tendenzen, die zu diesem Sieg führen können, sind unbestreitbar vorhanden. Freilich, unser sozialdemokratischer Einfluß auf die Masse des Proletariats ist noch äußerst ungenügend; die revolutionäre Einwirkung auf die Bauernmassen ist verschwindend gering; die Zersplitterung, die Rückständigkeit, die Unwissenheit des Proletariats und besonders der Bauernschaft sind noch furchtbar groß. Aber die Revolution pflegt raschen Zusammenschluß und rasche Aufklärung zu bewirken. Jeder Schritt ihrer Entwicklung rüttelt die Massen auf und zieht sie mit unwiderstehlicher Kraft gerade auf die Seite des revolutionären Programms, das allein ihre wirklichen, ureigenen Interessen konsequent und voll zum Ausdruck bringt.“10)

Und an anderer Stelle derselben Arbeit heißt es:

„Die Schwierigkeiten, die sich auf dem Weg zum vollen Siege der Revolution erheben, sind sehr groß. Falls die Vertreter des Proletariats alles tun werden, was in ihren Kräften liegt, dann wird niemand sie verurteilen können, wenn ihre Bemühungen am Widerstand der Reaktion, am Verrat der Bourgeoisie, an der Unaufgeklärtheit der Massen zerschellen kann.“11)

Bekanntlich reichten die Kräfte nicht aus, um den Sieg zu erringen und die Revolution erlitt eine Niederlage. Deswegen aber war die von Lenin für das Proletariat entwickelte Aufgabenstellung jedoch keineswegs falsch gewesen. Sie war im Gegenteil ein Glied in der genialen Weiterentwicklung der marxistischen Theorie der sozialistischen Revolution durch Lenin in der Periode des Imperialismus.

Für unsere Frage nach den historischen Aufgaben der Novemberrevolution können wir aus diesem Beispiel lernen, daß man die Aufgaben der Revolution nicht von der Frage nach der Wahrscheinlichkeit ihres Sieges abhängig machen kann. Wenn am Vorabend der Novemberrevolution durch die gesetzmäßige ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung die objektiven Bedingungen für die sozialistische Revolution historisch herangereift waren und keine der entscheidenden Lebensfragen der Arbeiterklasse und des ganzen Volkes gelöst werden konnte, ohne die Grundlagen des deutschen Imperialismus und Militarismus zu zerschlagen, so mußte sich die Arbeiterklasse, angesichts der revolutionären Situation und der Kampfbereitschaft breiter Massen, auf die sozialistische Revolution orientieren, auch wenn die konsequenten revolutionären Kräfte schwach waren. Die Arbeiterklasse und ihre Revolutionäre Vorhut konnten dem Kampf um die Lösung historisch herangereifter Aufgaben, dem Kampf um den gesellschaftlichen Fortschritt, nicht ausweichen. Sie konnten sich nicht auf eine „demokratische Umwälzung“ orientieren, die die Grundlagen des Kapitalismus nicht antastete, weil damit keine der Grundfragen gelöst werden konnte. Das hätte bedeutet, daß die revolutionären Kräfte sich der opportunistischen und kleinbürgerlichen Politik der SPD- und USPD-Führung untergeordnet, deren Betrug an den Volksmassen unterstützt und so mitgeholfen hätten, die Macht der schlimmsten Feinde des deutschen Volkes, der Imperialisten und Militaristen, zu erhalten.

Die Aufgabe der revolutionären Vorhut mußte es vielmehr sein, die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen von der Notwendigkeit der sozialistischen Revolution zu überzeugen, ihnen an Hand ihrer eigenen Erfahrungen unermüdlich zu erklären, daß ohne diese keine ihrer grundlegenden Forderungen erfüllt werden können, um so die Kräfte für den Sieg der Revolution zu formieren. In diesem Sinne handelte die Spartakusgruppe, die z. B. mit dem Programm ihrer Konferenz vom Oktober 1918 der Arbeiterklasse eine richtige Orientierung für die bevorstehende Revolution gab. Während die SPD-Führung mit den sogenannten Parlamtarisierungsmaßnahmen der Regierung des Prinzen Max von Baden der Arbeiterklasse eine „demokratische Umwälzung“ vortäuschen wollte, ohne die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten, hieß es in dem Aufruf der Spartakuskonferenz klar und unmissverständlich:

„Der Kampf um die wirkliche Demokratisierung geht nicht um Parlament, Wahlrecht oder Abgeordnetenminister und anderen Schwindel; er gilt den realen Grundlagen aller Feinde des Volkes: Besitz an Grund und Boden und Kapital, Herrschaft über die bewaffnete Macht und über die Justiz.“12)

In der Novemberrevolution stand also in Deutschland, sowohl vom Gesichtspunkt der nationalen als auch der internationalen Bedingungen, die historische Aufgabe vor der Arbeiterklasse, die sozialistische Revolution durchzuführen, die zugleich als unmittelbare Teilaufgabe die restlichen Aufgaben der unvollendeten bürgerlich-demokratischen Revolution lösen mußte.

Lenin rechnete bekanntlich durchaus mit der Möglichkeit einer sozialistischen Revolution, obwohl er die Lage in der deutschen Arbeiterbewegung sehr gut kannte und auch die Gefahr sah, die darin lag, daß die deutsche Arbeiterklasse noch keine wirklichen revolutionäre Partei besaß. Wenn diese Möglichkeit, wie der Verlauf der Novemberrevolution bewies, nicht zur Wirklichkeit wurde, so war deswegen nicht die Orientierung auf die sozialistische Revolution falsch, sondern es erwies sich, daß Bewußtsein und Organisiertheit der Arbeiterklasse nicht mit der Entwicklung der Revolution Schritt halten konnten.

Das Kriterium für die Bestimmung des Charakters einer Revolution

Damit ist zugleich die nächste Grundfrage aufgeworfen, die seit einiger Zeit in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt ist, die Frage nach dem Charakter der Novemberrevolution. Die Auffassung, daß die Novemberrevolution nicht demokratischen Charakter trug, keine Volksrevolution war und daher nicht als „bürgerliche“ Revolution bezeichnet werden könne, wird wohl kaum noch ernsthaft vertreten. Die Auseinandersetzungen in dieser Frage gehen darum, ob die Novemberrevolution ihrem grundlegenden Charakter noch eine bürgerlich-demokratischen Revolution war oder eine sozialistische Revolution, die eine Niederlage erlitt.

Im Zusammenhang mit dieser Diskussion gibt es auch Meinungsverschiedenheiten darüber, wodurch der Charakter einer Revolution bestimmt wird. Vom Standpunkt des historischen Materialismus kann es jedoch nur ein objektives Kriterium für die Einschätzung des Charakters einer Revolution geben. Die Klärung dieser Frage ist daher eine notwendige Voraussetzung für die Diskussion über den Charakter der Novemberrevolution.

Häufig wird versucht, den Charakter einer Revolution nach ihren Ergebnissen einzuschätzen. Das ist nicht richtig, obwohl die Ergebnisse bei einigen Revolutionen auch mit deren Charakter übereinstimmen. Nehmen wir aber z. B. die Pariser Kommune von 1871 oder die Ungarische Räterepublik von 1919. Beide bezeichnen wir ihrem Charakter nach als proletarische Revolution, obwohl nach ihrer Niederlage in Frankreich eine bürgerliche Republik und in Ungarn das faschistische Horthyregime entstanden. Entscheidend für die Bestimmung des Charakters dieser beiden Revolutionen kann also nicht ihr Ergebnis sein, sondern nur der konkrete Verlauf des Klassenkampfes, der zu solchen Veränderungen in den Wechselbeziehungen der Klassen führte, daß die Arbeiterklasse, wenn auch für kurze Zeit, die Macht erobern und ausüben konnte. Die Ergebnisse einer Revolution können also nicht ein allgemein gültiges Kriterium für die Einschätzung des Charakters einer Revolution sein.

R. Leibbrand bezeichnet in seinem Artikel „Zur Diskussion über den Charakter der Novemberrevolution“ als das entscheidende Kriterium für den Charakter einer Revolution „ihre objektiven Voraussetzungen, ihre Haupttriebkräfte und deren allgemeine Zielsetzung“.13) Dem Wesen nach dürfte damit auch jene andere Auffassung identisch sein, die davon ausgeht, daß der Charakter einer Revolution durch ihre objektiven historischen Aufgaben bestimmt wird. Diese Meinung wird z. B. auch in dem bereits erwähnten Artikel W. F. Schälikes vertreten.14)

Nach diesen Auffassungen würde als der Charakter einer Revolution von vornherein feststehen, ohne daß der tatsächliche Verlauf des Kampfes der Klassen und ihr gegenseitiges Kräfteverhältnis während der Revolution irgendeinen Einfluß darauf hätte. Von ihnen hinge dann nur ab, ob eine Revolution erfolgreich verläuft oder mit einer Niederlage endet. Die objektiven Voraussetzungen, die Haupttriebkräfte und deren allgemeine Zielsetzung stehen zweifellos in Beziehung zum Charakter der Revolution. Von ihnen ausgehend, können die revolutionären Kräfte schon vor Beginn der Revolution die Grundrichtung des Kampfes und auch den grundlegenden Charakter bestimmen, den die Revolution annehmen muß, um die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellten Fragen zu lösen. Aber eine Revolution kann auch durchaus anders verlaufen, als es den objektiven Voraussetzungen und der allgemeinen Zielstellung entspricht. Ausgehend von dem, was nach diesen Gesichtspunkten sein müßte, kann man nicht vorausbestimmen, was in Wirklichkeit im Verlaufe der Revolution vor sich gehen wird.

Gegen die Auffassung wird der Einwand erhoben, daß der Charakter von Revolutionen, bei denen objektiv bürgerlich-demokratische Aufgaben auf der Tagesordnung stehen, unabhängig von ihrem Verlauf und dem jeweiligen konkreten Kräfteverhältnis der Klassen, stets als bürgerlich-demokratisch bezeichnet werden. Warum sollte man bei Revolutionen, die ihren objektiven Voraussetzungen nach eine sozialistische Zielstellung haben, nicht ebenso verfahren können?

Meiner Meinung nach muß man bei der Beantwortung dieser Frage von dem grundlegenden Unterschied zwischen einer bürgerlichen und einer sozialistischen Revolution ausgehen. Die bürgerliche Revolution ist bekanntlich mit der Machtergreifung der Bourgeoisie abgeschlossen, weil ihre Aufgabe nur darin besteht, die Macht mit den bereits im Rahmen der feudalen Ordnung entstandenen kapitalistischen Produktionsverhältnissen in Übereinstimmung zu bringen und die alte Staatsmaschine ihren Interessen anzupassen. Die bürgerliche Revolution ersetzt nur die Herrschaft einer Ausbeuterklasse, der Feudalherren, durch die einer anderen Ausbeuterklasse, der Bourgeoisie. Eine bürgerliche Revolution kann daher auch mit einem Kompromiß zwischen der Bourgeoisie und den feudalen Kräften, oder selbst mit einer Niederlage enden und doch zu bestimmten Maßnahmen in Richtung auf die bürgerliche Umgestaltung der Gesellschaft führen, wie z. B. 1848/1849 in Deutschland und 1905/1907 in Rußland. Aus allen diesen Gründen kann man bei der allgemeinen Charakterisierung eine solche Revolution immer als „bürgerliche“ bezeichnen.

Alles das aber gibt es bekanntlich bei sozialistischen Revolutionen nicht. Sie können weder mit Kompromissen in der Frage der Macht enden, noch können ihre Aufgaben durch allmähliche Maßnahmen schrittweise verwirklich werden, wenn die Arbeiterklasse nicht im Besitze der politischen Macht ist. Die sozialistische Revolution beginnt bekanntlich erst mit der Eroberung der Macht durch das Proletariat und der Errichtung seiner Diktatur. Erst dann kann sie ihre Hauptaufgaben in Angriff nehmen, die Zerschlagung des alten und die Errichtung eines neuen proletarischen Staatsapparates, sowie die Beseitigung der alten, kapitalistischen und der Schaffung neuer, sozialistischer Produktionsverhältnisse: Bei einer Revolution, die ihren objektiven Voraussetzungen, ihren historischen Aufgaben und ihrer Zielsetzung nach eine sozialistische sein müßte, kann man daher den wirklichen Charakter nicht bestimmen, ohne den Klassenkampf und die Klassenverhältnisse im Verlaufe der Revolution zu berücksichtigen.

Aber auch bei der Charakterisierung bürgerlicher Revolutionen genügt meines Erachtens ein solches Kriterium, das nur von den objektiven Voraussetzungen und der Zielstellung oder von den historischen Aufgaben ausgeht, nicht. Mit der allgemeinen Einschätzung der französischen Revolution von 1789 als bürgerlich-demokratische Revolution wissen wir noch nichts über den großen Unterschied im Klassencharakter zwischen ihrer ersten Etappe, als die Großbourgeoisie und der liberale Adel an der Macht waren, und der Jakobiner-Diktatur. Ebensowenig sagt uns die allgemeine Einschätzung der russischen Revolution über die, trotz gemeinsamen Grundcharakters, gewaltigen Unterschiede zur französischen Revolution von 1789. Eben die Außerachtlassung dieser großen Unterschiede kritisierte Lenin an den Menschewiki, die nur von dem gemeinsamen Grundcharakter ausgingen. Auch zur richtigen Charakterisierung des Klasseninhalts einer bürgerlichen Revolution muß man den Prozeß des Klassenkampfes und die Veränderungen des Kräfteverhältnisses der Klassen exakt untersuchen.

Der sowjetische Historiker W. I. Billik geht in seiner Arbeit „Über die Eigenart der Novemberrevolution von 1918 in Deutschland“ davon aus, daß der Charakter einer Revolution ausschließlich durch den „Inhalt des tatsächlichen Kampfes“,15) d. h. durch, „das Verhalten der Mehrheit des Volkes während der Revolution“16) bestimmt wird. Obwohl darunter zweifellos das Verhalten der Mehrheit im Klassenkampf zu verstehen ist, reicht dieses Kriterium meines Erachtens nicht aus, da es nicht das Kräfteverhältnis und die Wechselbeziehungen der Klassen berücksichtig. Daher kommt W. I. Billik z. b. zu der Einschätzung, daß die Novemberrevolution in ihrer ersten Etappe, vom 3. bis 10. November 1918, als proletarische Revolution begonnen habe, weil die Mehrheit der Arbeiterklasse und breite kleinbürgerliche Schichten aus Empörung über den Krieg und über die kapitalistische Ordnung tatsächlich gekämpft haben. Eine solche Schlußfolgerung halte ich nicht für richtig. Es kommt bei der Bestimmung des Charakters nicht nur darauf an, daß die Mehrheit gekämpft hat, sondern vor allem, wofür sie gekämpft hat. Da die Kämpfe der Arbeiterklasse in dieser Etappe erfolgreich waren, muß man also untersuchen, ob die Macht der herrschenden Klassen tatsächlich gebrochen wurde und welche neuen Wechselbeziehungen der Klassen entstanden waren.

Auch bei der Frage nach dem Charakter einer Revolution muß man davon ausgehen, daß der Klassenkampf die Grundlage der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung und ihre Treibende Kraft ist. Eine Revolution ist die höchste Form des Klassenkampfes, in der alle grundlegenden Fragen, vor allem die Frage der Macht, unmittelbar durch die Aktionen der Klassen und Massen bis zum bewaffneten Kampf entschieden werden. Der Inhalt einer Revolution wird also durch den sich in ihrem Verlauf vollziehenden Kampf der Klassen um die Veränderung der bestehenden Machtverhältnisse charakterisiert. Die Frage nach dem Charakter einer Revolution, ihrem Klassencharakter, ihrem sozial-ökonomischen Inhalt, kann daher nicht allein vom Gesichtspunkt der objektiven Voraussetzungen, der Triebkräfte und deren Zielsetzung beantwortet werden. Das objektive Kriterium für die Einschätzung des Charakters einer Revolution kann nach meiner Meinung nur der Prozeß des sich, auf der Grundlage der objektiven Gesetzmäßigkeit, tatsächlich vollziehenden Klassenkampfes mit seinen Veränderungen im Kräfteverhältnis und in den Wechselbeziehungen der Klassen sein. Er zeigt uns zugleich an, ob und in welchem Maße Veränderungen der Machtverhältnisse im Verlaufe der Revolution eingetreten sind. Die allgemeinen Formeln „bürgerliche“, „bürgerlich-demokratische“ oder „sozialistische“ Revolution können nur die Verallgemeinerung, der Hervorhebung des Wesentlichen sein, die sich auf der Klassenanalyse der Revolution in ihren einzelnen Etappen ergibt.

Auch Lenin beschränkte sich meines Erachtens bei der Einschätzung des Klassencharakters der Revolution und ihrer einzelnen Phasen vom Februar bis Oktober 1917 in Rußland nicht darauf, von „objektiven“ Voraussetzungen und allgemeinen Zielsetzungen“ auszugehen, sondern ließ sich von dem jeweiligen Kräfteverhältnis und den Wechselbeziehungen der Klassen leiten.

Die nähere Untersuchung der Frage, wie Lenin bei der Einschätzung der Revolution vom Februar bis Oktober 1917 verfuhr, gibt uns, zusammen mit den direkten Bemerkungen Lenins zur Novemberrevolution, wichtige Hinweise für die Klärung der Frage nach dem Charakter der Novemberrevolution in Deutschland. Auf solche Hinweise stützt sich auch R. Leibbrand in seinem bereits erwähnten Artikel, in dem er die Novemberrevolution als eine sozialistische Revolution einschätzt, die eine Niederlage erlitt. Er beruft sich unter anderem darauf, daß Lenin die Novemberrevolution „einige Male als eine proletarische, sozialistische Revolution“ bezeichnete, an anderen Stellen aber wieder „von einem bürgerlich-demokratischen Inhalt der Novemberrevolution“ sprach.17) Diesen scheinbaren Widerspruch versucht er zu erklären, indem er darauf hinweist, daß Lenin auch „bei der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wiederholt von einem bürgerlichen-demokratischen Inhalt gesprochen“17) habe, und doch werde niemand „auf den Gedanken kommen, daß diese und andere Ausführungen Lenins den sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution bestreiten“.18)

Diese Argumentation halte ich nicht für richtig. Bei der Berufung auf Einschätzungen und Hinweise der Klassiker darf man bekanntlich niemals außer acht lassen, in welcher konkreten Situation, in welchem Zusammenhang und zu welchem Zweck sie gegeben wurden. Lenin sprach nicht schlechthin von einem bürgerlich-demokratischen Inhalt der Oktoberrevolution, sondern davon – wie auch aus dem von R. Leibbrand angeführten Zitat hervorgeht – daß die Oktoberrevolution auf dem Lande zunächst die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution zu Ende führte. Das konnte den grundlegenden sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution keineswegs beeinträchtigen, weil das Proletariat zusammen mit der armen Bauernschaft die Hauptaufgabe gelöst hatte, die Macht der Bourgeoisie zu stürzen und die Diktatur des Proletariats zu errichten. Im Gegenteil, nur die siegreiche sozialistische Revolution konnte, als eine ihrer Teilaufgaben, die bürgerlich-demokratische Revolution auf dem Lande vollenden und tat es auch. In seinem Werk „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ ging Lenin ausführlicher auf diese Frage ein.19) Er schrieb, daß es im Oktober/November 1917 nicht möglich war, auf ein zeitweiliges Bündnis mit der gesamten Bauernschaft zu verzichten und die sozialistische Revolution sofort ins Dorf zu tragen, weil die Klassendifferenzierung innerhalb der Bauernschaft noch nicht herangereift war. Darum blieb die Revolution auf dem Lande ihrem Charakter nach für einige Zeit zunächst noch eine bürgerlich-demokratische Revolution. Erst im Sommer und Herbst 1918, ein Jahr nach der proletarischen Revolution in den Hauptstädten, als es dem Proletariat gelang, das Dorf klassenmäßig zu spalten, die Proletarier und Halbproletarier zu sich herüberzuziehen und sie zum Kampf gegen die Kulaken und die Bourgeoisie zusammenzuschließen, vollzog sich die sozialistische Revolution auf dem Lande.20)

In diesem Sinne sprach Lenin bei dem grundlegenden sozialistischen Charakter der Oktoberrevolution zugleich von einem bürgerlich-demokratischen Inhalt der Revolution auf dem Lande. Sie war eine Phase im Prozeß der sozialistischen Revolution, die mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Errichtung der Diktatur des Proletariats im Oktober begann.

In Deutschland war die Situation während der Novemberrevolution jedoch völlig anders. Der deutschen Arbeiterklasse gelang es bekanntlich nicht, die Macht der Bourgeoisie zu stürzen und die Diktatur des Proletariats zu errichten, so daß selbst die bürgerlich-demokratische Revolution nicht zu Ende geführt werden konnte. Lenin sprach daher meines Erachtens im Zusammenhang mit der Novemberrevolution in einem anderen Sinne von einer proletarischen Revolution, als bei der Oktoberrevolution in Rußland.

Lenin ging davon aus, daß die objektiven Bedingungen des imperialistischen Krieges die sozialistische Revolution in Europa auf die Tagesordnung stellten. In diesem Zusammenhang betrachtete er von Anfang an die revolutionäre Bewegung sowohl in Deutschland als auch in den anderen imperialistischen Ländern Europas. So schrieb er, daß „die internationale Arbeiterrevolution“ bereits „mit dem Auftreten einzelner“ gegen Krieg und Sozialchauvinismus begann, die damit „die schwere Rolle der Vorläufer der Weltrevolution auf sich nahmen.“21)

Als im Februar 1917 die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland ausbrach, schrieb Lenin, daß damit „die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg … zur Tatsache“ wurde. Lenin sah sich darin den Auftakt für „die beginnende proletarische Revolution in Europa“.22) Die Große Sozialistische Oktoberrevolution leitete dann unmittelbar die Epoche der proletarischen Weltrevolution ein. Sie führte zu einem gewaltigen Aufschwung der revolutionären Bewegung in allen Ländern, der die Position des Imperialismus im Weltmaßstab erschütterte. Unter diesen internationalen Bedingungen und angesichts der Tatsache, daß in Deutschland die sozialistische Revolution auf der Tagesordnung stand, mußte die Novemberrevolution notwendigerweise ihrer Grundrichtung nach einem Kampf gegen Imperialismus und Militarismus werden, ein Versuch, die Entwicklung Deutschlands auf den Weg zum Sozialismus zu lenken. Das war die Novemberrevolution auch in der Tat. In diesem Sinne sprach Lenin von einer proletarischen Revolution in Deutschland. In diesem Sinne schrieb er auch im März 1919, daß die deutsche Revolution dieselben Grundkräfte, dieselbe Hauptrichtung und auch dieselbe grundlegende form der proletarischen Demokratie, die Räte, aufweise, wie die Revolution in Rußland.23) Diese Äußerungen Lenins besagen jedoch nicht, daß die Revolution ihrem konkreten Klasseninhalt nach einer sozialistische Revolution war. Bereits Ende Oktober 1918 hatte Lenin darauf hingewiesen, daß bei der Lage der Dinge in Deutschland „die Volksrevolution und vielleicht sogar die proletarische Revolution“24) unvermeidlich ist. Obwohl auch jede proletarische Revolution, eine Volksrevolution ist, ergibt sich aus der vorstehenden Formulierung, daß Lenin, trotz der objektiv sozialistischen Aufgaben, auch eine Revolution für möglich hielt, die nicht proletarischen Charakter trug. Und im März 1919 sagte er in einer Rede, in der er an sein erstes Auftreten im Petrograder Sowjet, im April 1917, erinnerte:

„Jetzt aber ruft uns der Verlauf der Revolution in den anderen Ländern ins Gedächtnis, was wir noch vor kurzem selbst erlebt haben. Man hatte angenommen, daß im Westen, wo die Klassengegensätze entsprechend dem entwickelteren Kapitalismus stärker entwickelt sind, die Revolution einen etwas anderen Weg als bei uns gehen und die Macht sofort von der Bourgeoisie auf das Proletariat übergehen werde. Die gegenwärtigen Vorgänge in Deutschland jedoch beweisen das Gegenteil.“25)

Sinngemäß wird damit zum Ausdruck gebracht, daß sich die deutsche Revolution, dem Wesen nach, auf demselben Wege befand, wie die russische Revolution nach dem Februar 1917. Aber am Ende dieses Weges stand in Deutschland damals kein Oktober.

Die Äußerungen Lenins über die deutsche Revolution von 1918/19 berechtigen nicht dazu, sie ihrem grundlegenden Klassencharakter nach ebenso einzuschätzen wie die Oktoberrevolution in Rußland. R. Leibbrand hat bei seinem Darlegungen zu dieser Frage die unterschiedlichen Klassen- und Machtverhältnisse in beiden Revolutionen ganz außer acht gelassen. Wir haben jedoch gesehen, daß Lenin bei der Einschätzung des Charakters der Oktoberrevolution gerade von dem Kräfteverhältnis und den Wechselbeziehungen der Klassen ausging und von diesem Gesichtspunkt zwischen sozialistischer und bürgerlich-demokratischer Revolution unterschied.

Lenin betonte zwar, daß eine starre „Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Rrevolution“26) falsch sei. Aber er verwischte deswegen keineswegs den Unterschied zwischen ihnen, wie das nach der Darstellung R. Leibrands erscheinen könnte. Nach den Erfahrungen der Oktoberrevolution schrieb Lenin in der Auseinandersetzung mit der kleinbürgerlichen Position Kautskys in seinem Werk „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“, daß der Versuch, die bürgerlich-demokratische von der sozialistischen Revolution „durch etwas anderes zu trennen, als durch den Grad der Schulung des Proletariats und den Grad seines Zusammenschlusses mit der Dorfarmut, … die größte Entstellung des Marxismus …“ ist.27)

Gerade diesen Unterschied aber möchte R. Leibbrand nicht anerkennen. Er schreibt z. B.:

„Ohne Zweifel lag in diesem ‚subjektiven Faktor’, in dem ungenügenden Bewußtsein und der unvergnügenden Organisiertheit der Arbeiterklasse die verhängnisvolle Schwäche der deutschen Novemberrevolution … Aber kann man wegen dieser unbestreitbaren subjektiven Schwäche des Proletariats der deutschen Novemberrevolution den Charakter einer sozialistischen Revolution absprechen?“28)

Diese „subjektive Schwäche“ wurde zu einem durchaus realen, objektiven Faktor im Klassenkampf. Sie bewirkte, daß die deutsche Arbeiterklasse nicht die ‚Rolle spielen konnte, die die Novemberrevolution erst zur sozialistischen Revolution gemacht hätte. Bekanntlich waren auch nach 1945 in der Deutschen Demokratischen Republik Bewußtsein und Organisiertheit der Arbeiterklasse und der Mehrheit der Werktätigen entscheidend für den Übergang zur sozialistischen Umwälzung, nachdem die objektiven Voraussetzungen gegeben waren.29)

Versuchen wir einmal festzustellen, welche Bedeutung Lenin dieser Frage in der russischen Revolution des Jahres 1917 beimaß. In den berühmten „Aprilthesen“ ging Lenin davon aus, daß die bürgerlich-demokratische Revolution beendet war und gab die Orientierung auf den „… Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in den Händen des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muß.“30)

Lenin stellte damit die Aufgabe der unverzüglichen Vorbereitung der sozialistischen Revolution. Er sprach aber trotz dieser „allgemeinen Zielsetzung“ nicht davon, daß damit die sozialistische Revolution schon begonnen habe. In der der Auseinandersetzung mit Kamenew wandte er sich gegen die Behauptung, daß er den sofortigen Übergang zur sozialistischen Revolution wolle und wies nach, daß das, eben wegen des ungenügenden Bewußtseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats und der Bauern, gar nicht möglich sei.31) Darum orientierte Lenin die Partei darauf, durch die Befreiung des Proletariats und der werktätigen Bauernschaft von den Einflüssen der kleinbürgerlichen Paktiererparteien und der Bourgeoisie die Mehrheit zu gewinnen,32) und damit eine solche Veränderung des Kräfteverhältnisses der Klassen zu bewirken, bei der das Proletariat

„… zusammen mit der armen Bauernschaft, zusammen mit dem Halbproletariat, zusammen mit allen Ausgebeuteten gegen den Kapitalismus, ...“ kämpft und damit „… die Revolution zu einer sozialistischen Revolution“33) macht.

Als das durch die geduldige, unermüdliche, hartnäckige Arbeit der Bolschewiki erreicht war, schrieb Lenin im September 1917:

„Die Wechselbeziehung der Klassen ist eine andere geworden, das ist der Kern der Sache … Das und nur das ist die wissenschaftliche Grundlage, die es erlaubt, von einer neuen Revolution zu sprechen…“34)

Damit waren die Voraussetzungen für den Beginn und auch für den Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution entstanden.

Diese kurze Untersuchung zeigt also, daß Lenin sich bei der Einschätzung des Charakter der Revolution und ihrer einzelnen Phasen vom Februar bis Oktober 1917 – auf dem Lande haben wir die Entwicklung der Revolution bis zum Sommer 1918 skizziert – auf der Grundlage der objektiven Voraussetzungen, von dem jeweiligen Kräfteverhältnis und den Wechselbeziehungen der Klassen leiten ließ. Er sprach daher erst davon, daß die sozialistische Revolution herangereift war, als, außer den objektiven Voraussetzungen und der allgemeinen Zielsetzung, der Einfluß der kleinbürgerlichen, opportunistischen Parteien auf die Mehrheit der Arbeiterklasse gebrochen war, und diese von der Mehrheit der werktätigen Massen unterstützt wurde. Erst damit hatte sich das Kräfteverhältnis herausgebildet, das den Übergang zur sozialistischen Revolution möglich machte.

Um einer Revolution sozialistischen Charakter zuzuerkennen, genügt es daher weder, daß die objektiven Voraussetzungen für eine sozialistische Revolution gegeben sind und der Kampf um den Sozialismus auf der Tagesordnung steht, noch daß die Mehrheit der Arbeiterklasse den Sozialismus will, wenn sie unter kleinbürgerlichen Einflüssen, opportunistischen Parteien und ihren mit der Bourgeoisie paktierenden Führern folgt.

Lenin hat auch in seinen Arbeiten nach der Oktoberrevolution und in seiner Tätigkeit in der III. Internationale stets betont, daß eine proletarische Revolution nicht möglich ist, ohne den Einfluß des Opportunismus auf die Mehrheit der Arbeiterklasse zu brechen, und ohne daß die Mehrzahl der Werktätigen mit ihrer Avantgarde, der Arbeiterklasse, sympathisiert und sie unterstützt. So schrieb Lenin z. B. in seinem Werk „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“:

„Man kann die politische Macht nicht erobern (und soll nicht versuchen, die politische Macht zu erobern), solange dieser Kampf nicht auf eine gewisse Stufe gebracht ist, wobei diese ‚gewisse Stufe’ in den verschiedenen Ländern und unter den verschiedenen Verhältnissen nicht die gleiche ist, …“35)

Diese Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse und der Werktätigen darf man selbstverständlich nicht formal, im reformistischen Sinne, verstehen. Sie erfolgt nicht durch Abstimmung, sondern im unmittelbaren Klassenkampf, in dem sich die Massen an Hand ihrer eigenen Erfahrungen von der Richtigkeit der Politik ihrer revolutionären Partei überzeugen.

Der Klassencharakter der Novemberrevolution in Deutschland

Von diesen Kriterien ausgehend, soll nun versucht werden, den Klassencharakter der einzelnen Etappen der Novemberrevolution in Deutschland zu bestimmen und daraus die Einschätzung des grundlegenden Charakters der Revolution abzuleiten.

In der Frage der Periodisierung der ersten Etappe der Revolution herrscht unter den marxistischen Historikern im wesentlichen Übereinstimmung. Sie begann mit dem bewaffneten Aufstand in Kiel am 3. November 1918 und endete mit der Bildung des Rates der Volksbeauftragten und der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 10./11. November 1918.

Unterschiedlichen Auffassungen aber gibt es darüber, ob diese Etappe der Revolution ihrem Klassencharakter nach als bürgerlich-demokratische oder als proletarische einzuschätzen ist. Die letztere Auffassung wird damit begründet, daß die Mehrheit der Arbeiterklasse den Sozialismus wollte, ein Teil auch konsequent dafür kämpfte und die Mehrzahl der Räte anfangs tatsächlich reale Macht ausübte. Der sowjetische Historiker W. I. Billik, der, wie bereits erwähnt, die erste Etappe als proletarische Revolution einschätzt, obwohl er die Novemberrevolution insgesamt als bürgerlich-demokratisch bezeichnet, schreibt zur Begründung u. a., daß die Hauptfrage der Revolution, die Frage „Rätemacht oder bürgerliches Parlament“ in der der ersten Etappe „bis zu einem gewissen Grade, wenn auch nur vorübergehen, zugunsten der Räte“ entschieden, wurde.36)

Die weltgeschichtliche Fragestellung „Rätemacht oder bürgerliches Parlament“, die, wie Lenin sagte, von der Geschichte auch für Deutschland auf die Tagesordnung gestellt wurde, bedeutete nichts anderes als Diktatur des Proletariats oder Diktatur der Bourgeoisie.37) die Einschätzung W. I. Billiks kann daher nur so verstanden werden, daß die Räte in den ersten Tagen der Novemberrevolution „bis zu einem gewissen Grade, wenn auch nur vorübergehend“, die Diktatur des Proletariats ausübten. Solche Schlußfolgerungen halte ich, auf Grund der Klassen- und Machtverhältnisse in der ersten Etappe der Revolution, nicht für berechtigt. Zweifellos ist es richtig, daß die Arbeiterklasse, zugleich mit dem Kampf gegen den Krieg und die reaktionäre politische Ordnung, eine sozialistische Umgestaltung Deutschlands anstrebte, wenn sie in ihrer Mehrheit auch nur unklare Vorstellungen hatte. Die Arbeiterklasse war auch die Haupttriebkraft, die, ungeachtet der Spaltungsversuche der SPD-Führung, zunächst einheitlich und geschlossen kämpfte. Ihr schlossen sich, vor allem durch die Teilnahme der Soldaten des Heimatheeres, Angehörige der werktätigen Schichten aus Stadt und Land an. Sie hatten gemeinsame Interessen im Kampf für die Beendigung des Krieges, gegen den Militarismus und das monarchistische Regime.

Die herrschenden Klassen waren nicht mehr in der Lage, der Revolution ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen. Das monarchistische Regime und seine Regierung hatten in den werktätigen Klassen und Schichten und selbst in Teilen der Bourgeoisie jeden Rückhalt verloren. Die entscheidenden Machtinstrumente, Armee und Polizei, befanden sich in Zersetzung und waren zum Kampf gegen die revolutionären Kräfte nicht mehr zu verwenden. Das kaiserliche Deutschland, einer der reaktionärsten imperialistischen Staaten, war in wenigen Tagen unter dem ersten Ansturm der Revolution zusammengebrochen. Das war zugleich eine schwere Niederlage für die Imperialisten und Militaristen, deren Machtpositionen ernsthaft gefährdet waren.

Für die Arbeiterklasse hatte sich damit eine äußerst günstige Situation ergeben. Nach dem Vorbild der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution waren überall, als Kampforgane der Arbeiterklasse, Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, die die Grundlage der neuen proletarischen Macht hätten werden können. In ihren Händen lag anfangs auch in vielen Orten und Großbetrieben die reale Macht. Der alte monarchistische Staatsapparat war vorübergehend gelähmt, aber er wurde nicht zerschlagen. Die Räte übernahmen meist die Kontrolle der Verwaltung, entfernten besonders reaktionäre Elemente und verwirklichten eine Reihe von wichtigen Arbeiterforderungen. In der Mehrzahl aber gingen ihre Maßnahmen, wie sich aus dem bisher über die Räte vorliegenden Material ergibt, nicht über den Rahmen allgemein-demokratischer Verhältnisse hinaus. Daher kann man nicht sagen, daß die Frage der Macht, auch nur vorübergehend, zugunsten der Räte, im Sinne der Diktatur des Proletariats, entschieden war, obwohl ein großer Teil der örtlichen Räte sich in der Tat für kurze Zeit im Besitz der öffentlichen Gewalt befand. Die Mehrheit der Räte, einschließlich des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin, wußte nicht, wie sie von ihrer Macht Gebrauch machen mußte, um die politische Herrschaft der Arbeiterklasse zu verwirklichen und zu sichern. Nur ein kleiner Teil der Räte führte den Kampf um Zerschlagung des alten reaktionären Staatsapparates und die Brechung der Macht der Monopol-und Bankherren.

Die Mehrheit der Arbeiterklasse war, infolge der revisionistischen und zentristischen Einflüsse und des Mangels an revolutionärer Kampferfahrung, mehr oder weniger stark in kleinbürgerlichen, parlamentarisch-demokratischen Illusionen befangen. Begeistert über den leichten und schnellen Sieg glaubte sie, mit dem Sturz der Monarchie, der Erringung der Republik und des allgemeinen Wahlrechts, bereits die politische Macht erobert und die Voraussetzungen für den Sozialismus geschaffen zu haben.

Diese Illusionen hinderten die Mehrheit der Arbeiterklasse, den richtigen Losungen der Spartakusgruppe zu folgen und ihre Hauptaufgabe in der Revolution, die Brechung der Macht der Bourgeoisie und die Errichtung der Diktatur des Proletariats, in Angriff zu nehmen. Die Führer der SPD, die Verbündeten der Bourgeoisie in den Reihen der Arbeiterklasse, konnten entscheidenden Einfluß auf die Räte gewinnen und gemeinsam mit den schwankenden, kleinbürgerlichen Führern der USPD, die „Revolutionsregierung“ bilden. Der „Rat der Volksbeauftragten“, der sich auf die Mehrheit der Arbeiterklasse stützen konnte, die in ihm ihre sozialistische Regierung sah, war seinem wirklichen Charakter nach eine bürgerliche Regierung, die mit ihrer Politik die grundlegenden Interessen der Bourgeoisie sicherte.

Es gelang der Führung der SPD, ihre verräterische Politik zu tarnen und die in den Kämpfen entstandene Einheit der Arbeiterkasse wieder zu spalten. Die Mehrheit der Arbeiterklasse ließ sich mit bürgerlich-demokratischen Reformen von ihren tatsächlichen Klassenzielen ablenken und einer Politik unterordnen, die unter dem Deckmantel sozialistischer Phrasen auf die Liquidierung der Revolution, die Erhaltung der kapitalistischen Ordnung um der Herrschaft der Bourgeoisie gerichtet war. Die konsequenten revolutionären Kräfte um die Spartakusgruppe und die Bremer Linksradikalen waren in der Minderheit.

Die Revolution hatte vorerst ihre historische Aufgabe nicht erfüllt. Die Klassenherrschaft der Bourgeoisie war stark erschüttert, aber, infolge des Verrates der SPD-Führer, nicht gebrochen. Die Mehrheit der Arbeiterklasse und die kleinbürgerlichen Kräfte folgten den opportunistischen Führern der SPD und der USPD und sahen die Revolution als beendet an. Die Lage war jedoch äußerst labil und die Frage der Macht noch keineswegs entschieden. Die revolutionäre Minderheit mit dem Spartakusbund an der Spitze, die Existenz der Räte und die Waffen in den Händen der Arbeiter waren eine ständige Bedrohung für die Junker, Monopolherren und Militaristen. Beide Seiten aber waren zunächst nicht in der Lage, entscheidende Kämpfe zu führen und mußten ihre Kräfte neu formieren.

Angesichts dieser Klassenverhältnisse halte ich die Auffassung, daß die Novemberrevolution in ihrer ersten Etappe ihrem konkreten Klasseninhalt nach eine proletarische Revolution war, nicht für richtig. Die „Iswestija“ Nr. 246 vom 12. November 1918 brachte einen kurzen Bericht über die Sitzung des Rates der Volkskommissare am 11. November 1918, die sich mit den Ereignissen in Deutschland beschäftigte. Darin hieß es:

„Der Rat der Volkskommissare hält es für notwendig, in der Einschätzung der in Deutschland vor sich gehenden revolutionären Bewegung maximalste Vorsicht zu wahren. Die zuletzt erhaltenen Mitteilungen analysierend, drückte sich Genosse Lenin so aus: im Grunde ist, wie es scheint, bei den Deutschen doch der Februar und nicht der Oktober.“38)

Meines Erachtens gab Karl Liebknecht eine völlig richtige Einschätzung des Charakters der Revolution in dieser Anfangsetappe, als er schrieb:

„Ihre politische Form ist die einer proletarischen Aktion, ihr sozialer Inhalt der einer bürgerlichen Reform.“39)

In der zweiten Etappe der Novemberrevolution, die Mitte November 1918 begann, vollzog sich eine Umgruppierung der Klassenkräfte und die Vorbereitung auf neue entscheidende Kämpfe. Da die Arbeiterklasse vorerst auf keinen bewaffneten Widerstand der Bourgeoisie stieß und in ihrer Mehrheit, die erreichten Erfolge überschätzend, die Revolution als beendet ansah, ließ das Entwicklungstempo der Revolution zunächst erheblich nach. Wenn die Novemberrevolution aber die grundlegenden Lebensfragen der Arbeiterklasse und des deutschen Volkes lösen und einen wirklichen Ausweg aus der nationalen Katastrophe ermöglichen sollte, dann mußte die Herrschaft der Bourgeoisie völlig gebrochen werden und die Macht in die Hände der Arbeiterklasse übergehen.

Die revolutionären Kräfte der deutschen Arbeiterklasse mit dem Spartakusbund an der Spitze kämpften daher um den Übergang von der, bisher ihrem Klassencharakter nach, bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution, unter der Hauptlosung „Alle Macht den Arbeiter- und Soldatenräten“. Dabei war die Hauptaufgabe, wie Lenin lehrt40), die Mehrheit der Arbeiterklasse, die der SPD und der USPD folgte, vom Einfluß des Opportunismus zu lösen, ihr zu helfen, sich an Hand ihrer eigenen Erfahrungen davon zu überzeugen, daß die Revolution bis zur Errichtung der Rätemacht weitergeführt werden mußte, sowie die Sympathie und Unterstützung der werktätigen Schichten, besonders der armen Bauernschaft, zu gewinnen. Bereits in der „Rote Fahne“ vom 10. November 1918 gab der Spartakusbund unter den neuen Bedingungen eine prinzipiell richtige Aufgabenstellung für die revolutionären Kräfte. Er orientierte ihren Kampf vor allem auf die Gewinnung der Mehrheit in den Räten und deren Umgestaltung zu wirklichen Machtorganen der Arbeiterklasse, auf die Organisierung bewaffneter Roter Garden, auf die Enteignung der großkapitalistischen Kriegsverbrecher, auf die Bildung von Räten der Landarbeiter und der Kleinbauern usw.41)

Auf der anderen Seite formierten sich die Kräfte der Konterrevolution um die Losung der „Nationalversammlung“ mit dem Ziel, die Revolution und die Räte zu liquidieren und die Macht der Bourgeoisie zu sichern und zu festigen. Da das mit den Mitteln der militärischen Gewalt zunächst nicht möglich war, taten sich die durch die russischen Erfahrungen gewitzigten deutschen Imperialisten und Militaristen mit der Führung der SPD zusammen, mit der sie ihre antibolschewistische Position, das gemeinsame Interesse an der Liquidierung der Revolution und die Furcht vor der Arbeiterklasse verbanden.

Auf dieser Grundlage entstanden das Bündnis zwischen Ebert und der Obersten Heeresleitung, das Abkommen über die Arbeitsgemeinschaft zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmerverbänden und ebenfalls die Verbindung mit den imperialistischen Siegermächten, vor allem mit dem amerikanischen und dem englischen Imperialismus.

Zu dieser konterrevolutionären Front gehörten auch die alten bürgerlichen Parteien, die unter neuen Firmenschildern, als „demokratische“ oder „Volks“parteien, wieder in Erscheinung traten. Auch die kleinbürgerlichen Schichten, die mit der Diktatur des Proletariats und der Enteignung erschreckt wurden, schlossen sich dem reaktionären Lager an.

Vor allem aber organisierte die Konterrevolution zuverlässige militärische Verbände, wie Einwohner-, Bürger- und Studentenwehren, Offiziers- und Unteroffiziersvereinigungen und auch schon die ersten Freikorps, um sobald als möglich mit militärischen Mitteln gegen die Revolution vorgehen zu können.

Im Kampf gegen die erstarkende Konterrevolution wuchsen Aktivität und Kampfbereitschaft in den Reihen der Arbeiterklasse. Ende November und vor allem im Dezember 1918 begann eine große Streikbewegung, die ökonomische Ursachen hatte, aber mit der Forderung nach Sozialisierung immer mehr politischen Charakter annahm. Als im Dezember 1918 die Arbeiterklasse durch Putschversuche konterrevolutionärer Truppen ihre Revolution bedroht sah, kam es zu großen Massenaktionen, wie z. B. am 24. Dezember 1918, als Berliner Arbeiter aller politischen Richtungen den ersten größeren militärischen Angriff der Konterrevolution auf die Volksmarinedivision zerschlugen. Vor allem aber lernten die besten Kräfte der deutschen Arbeiterklasse aus den Erfahrungen der Revolution, daß auch der größte Heroismus die revolutionäre proletarische Kampfpartei nicht ersetzen konnte. Die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands war von größter Bedeutung für die Stärkung der revolutionären Kräfte und für ihre weiteren Kämpfe.

Die Tatsachen zeigen, daß im Dezember 1918, im Zusammenhang mit dem Vordringen der Konterrevolution, eine Verschärfung des Klassenkampfes einsetzte. Die Arbeiterklasse war bereit, die Errungenschaften der Novemberrevolution zu verteidigen und folgte den Aufrufen des Spartakusbundes und der linken USPD zu mächtigen Protestaktionen. Die Erfahrungen dieser Kämpfe führten dazu, daß sich Teile der Arbeiterklasse allmählich von den reformistischen Positionen abzuwenden begannen. Es bahnte sich ein neuer Aufschwung der revolutionären Bewegung an. Dieser Aufschwung hatte jedoch nicht mit dem Tempo der Entwicklung Schritt gehalten. Die revolutionären Kräfte waren, angesichts des beginnenden Angriffs der Konterrevolution, nicht auf entscheidende Kämpfe vorbereitet. Die Mehrheit der Arbeiterklasse sah nicht den Zusammenhang zwischen der SPD-Führung und der Konterrevolution und unterstützte weiter die Regierung der Ebert-Scheidemann.

Das bewies vor allem der erste Reichsrätekongreß, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin tagte. Mehr als die Hälfte der Delegierten waren Vertreter der SPD, die damit ihre konterrevolutionären Pläne durchsetzen konnte. Der Kongreß beschloß die Wahlen zur Nationalversammlung und legte fest, daß mit ihrem Zusammentritt die Funktionen der Arbeiter- und Soldatenräte erlöschen sollten. Diese Maßnahmen zeigten, daß die Konterrevolution, die die anwachsende Massenbewegung fürchtete, vorbereitet und entschlossen war, den Angriff der Räte und die Errungenschaften der Revolution zu eröffnen. Die Konterrevolution hatte ihre Kräfte zu entscheidenden Kämpfen neu formiert. Wenige Tage später, am 24. Dezember 1918, begann mit dem Angriff konterrevolutionärer Truppen auf die Volksmarinedivision der erste Versuch zur militärischen Niederschlagung der Revolution in Berlin. Mit diesen Kämpfen, vor allem aber mit der Provokation im Januar 1919, stellte die Konterrevolution den offenen Bürgerkrieg auf die Tagesordnung.

Die zweite Etappe der Novemberrevolution, in der sich die Umgruppierung der Kräfte für die entscheidenden Kämpfe um die Macht vollzog, war meines Erachtens Ende Dezember 1918 beendet. Das Kräfteverhältnis der Klassen hatte sich günstig für die Konterrevolution entwickelt. Der Klassencharakter der Revolution blieb gegenüber der ersten Etappe unverändert.

Die sowjetischen Historiker J. S. Drabkin42) und W. I. Billik43) legen das Ende der zweiten Etappe der Revolution auf den 19. Januar 1919, den Tag der Wahlen zur Nationalversammlung, weil das Wahlergebnis eine neue politische Situation in Deutschland schuf. Mit diesen Wahlen leiten sie daher zugleich die dritte Etappe der Novemberrevolution, die Etappe des offenen Bürgerkrieges ein.

Diese Periodisierung halte ich nicht für richtig. Die Wahlen zur Nationalversammlung waren zweifellos ein wichtiges politisches Ereignis und ein Erfolg der Bourgeoisie. Aber die Phase des offenen Bürgerkrieges begann nicht erst nach dem 19. Januar 1919. Die Wahlen und ihr Ausgang waren bereits ein Ergebnis der ersten Niederlage der Arbeiter in dem von der Bourgeoisie entfesselten Bürgerkrieg. Nach dem Reichsrätekongreß war es zunächst das Ziel der Konterrevolution, die revolutionären Kräfte bis zu den Wahlen niederzuwerfen, um durch eine Bürgerkriegsatmosphäre, durch Mord und Terror gegen die Vorhut der deutschen Arbeiterklasse, Bedingungen für „freie“ und „demokratische“ Wahlen im Interesse der Bourgeoisie zu schaffen. Was am 24. Dezember 1918 nicht gelang, weil von den zehn Divisionen, die unter Befehl des Generals Lequis in Berlin eingerückt waren, nur noch etwa 1200 Soldaten übriggeblieben waren und sich auch diese nicht mehr als zuverlässig erwiesen, wurde im Januar 1919 erfolgreich von den Freikorpsbanden Noskes ausgeführt.

Nicht aus den Wahlen ging ein neues Kräfteverhältnis hervor, sondern das Ergebnis der Wahlen war ein Ausdruck des veränderten Kräfteverhältnisses der Klassen, das bereits Ende Dezember 1918 vorhanden war und zu den Januarkämpfen 1919 geführt hatte.

Ich kann daher auch nicht J. S. Drabin zustimmen, der die Auffassung vertritt, daß die Frage der Macht, die Frage Rätemacht oder Konstituierende Versammlung, bereits in der zweiten Etappe der Novemberrevolution durch die Wahlen der Nationalversammlung entschieden wurde.44) Diese Frage war mit den Wahlen zur Nationalversammlung in Wirklichkeit noch keineswegs entschieden. Die Grundfrage der Revolution, die Frage der Macht, wird nicht durch Wahlen entschieden, wenn der Bürgerkrieg auf der Tagesordnung steht. Die Kämpfe gingen bekanntlich auch nach den Wahlen weiter und nahmen an Schärfe und Umfang noch zu. Auch die Räte bestanden weiter und spielten zum größten Teil eine konsequentere Rolle in den Kämpfen als je zuvor im Verlauf der Novemberrevolution. In einigen Städten wurden sie vorübergehend sogar wirklich zu Organen der Diktatur des Proletariats. Die Frage der Macht, die Frage Rätemacht oder Nationalversammlung wurde erst, obwohl die Nationalversammlung bereits am 6. Februar 1919 in Weimar zusammengetreten war, mit der Niederlage der Novemberrevolution nach der Erwürgung der Münchener Räterepublik entschieden.

Ach von diesem Gesichtspunkt erscheint mit der 19. Januar 1919 als Ende der zweiten Etappe und als der Beginn der dritten Etappe der Revolution nicht gerechtfertigt.

Die dritte Etappe der Novemberrevolution, von Ende Dezember 1918 bis zur Niederlage der Münchener Räterepublik, Anfang Mai 1919, war die Etappe des offenen Bürgerkrieges und der Höhepunkt der Kämpfe in der Novemberrevolution. In ihr wurde die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Bourgeoisie und Proletariat unmittelbar um die Entscheidung der Grundfrage der Revolution, um die Frage der Macht, geführt.

Vor allem mit dem Charakter dieser Kämpfe im Frühjahr 1919, die in Bremen und München bis zur Errichtung von Räterepubliken führten, wird die Auffassung begründet, daß die Novemberrevolution eine sozialistische Revolution war.45) In der Tat haben besonders in diesen Monaten große Teile der Arbeiterklasse heroisch dafür gekämpft, die Entwicklung Deutschlands auf den Weg des Sozialismus zu lenken. Um aber festzustellen, ob es in diesen Kämpfen gelang, den Übergang zur sozialistischen Revolution zu vollziehen, wollen wir das Kräfteverhältnis und die Wechselbeziehungen der Klassen in dieser Etappe näher untersuchen.

Wir haben bei der Behandlung der zweiten Etappe der Revolution gesehen, daß die Konterrevolution ihre Kräfte zusammengeschlossen und für die entscheidenden Kämpfe neu formiert hatte. Sie ging nun, im Bunde mit den rechten Führern der SPD, zum militärischen Angriff auf die revolutionären Kräfte über, um mit der Revolution endgültig Schluß zu machen und die Macht der Bourgeoisie zu sichern und zu festigen. Dazu hatte sie in den Freikorps, die sich in der Hauptsache aus Offizieren und aktiven Unteroffizieren der alten kaiserlichen Armee, aus Kleinbürgern, Studenten, deklassierten, lumpenproletarischen Elementen usw. zusammensetzten, ein neues zuverlässiges Machtinstrument. Diese konterrevolutionäre Bürgerkriegsarmee erreichte im Frühjahr 1919 bereits eine Stärke von 400 000 bis 450 000 Mann.46) An ihrer Spitze stand der rechte Sozialdemokrat Gustav Noske, der die Rolle des Henkers der Revolution übernahm und gemeinsam mit den ehemaligen kaiserlichen Offizieren und Generalen die Arbeiterklasse blutig niederschlug und die Herrschaft der Bourgeoisie rettete. In den Händen dieser Militärclique lag faktisch die reale Macht.

Damit waren die Bedingungen für den Kampf der revolutionären Kräfte, die Ende Dezember 1918 noch nicht auf entscheidende Auseinandersetzungen vorbereitet waren, besonders schwierig geworden. Die ersten militärischen Angriffe der Konterrevolution riefen jedoch sofort einen neuen gewaltigen Aufschwung der Revolution hervor. Das hatten bereits die Kämpfe am 24. Dezember 1918 in Berlin gezeigt. Vor allem aber begann dieser Aufschwung mit den Berliner Januarkämpfen 1919 und ihren Auswirkungen in ganz Deutschland. Trotz der Niederlage und der großen Opfer verbreiterte und vertiefte sich die revolutionäre Bewegung in den folgenden Monaten. Das kam in den gewaltigen Massenstreiks und besonders in den bewaffneten Kämpfen gegen die konterrevolutionären Freikorpsbanden in fast allen wichtigen Industriegebieten Deutschlands zum Ausdruck. In diesen Aktionen spielten auch viele örtliche Räte wieder eine bedeutende Rolle als Kampforgane der Arbeiterklasse. In einigen Fällen wurden sie in lokalem Maßstab zu wirklichen Organen der Diktatur des Proletariats, wie z. B. in Bremen und vor allem in der Münchener Räterepublik, die den Höhepunkt der heldenhaften Kämpfe der Arbeiterklasse in der Novemberrevolution bildete.

Die revolutionären Ereignisse entwickelten sich seit den Januartagen 1919 in einem äußerst stürmischen Tempo. Die revolutionären Kräfte aber waren nicht in der Lage, hinsichtlich der Vorbereitung und Organisierung der Kämpfe der Arbeiterklasse, mit dem Tempo der Ereignisse Schritt zu halten. Das ermöglichte der Konterrevolution, sich häufig des Mittels der Provokation zu bedienen, um das Proletariat zu vorzeitigen, ungenügend vorbereiteten Kämpfen herauszulocken.

Diese Tatsachen stellen jedoch keineswegs die Initiative der Arbeiterklasse in den revolutionären Kämpfen in Frage. Ihre Aktionen beschränkten sich auch nicht nur auf die Abwehr der Angriffe und die Verteidigung der Errungenschaften der Revolution. Zum ersten Mal kämpften große Teile der Arbeiterklasse gegen die Regierung Ebert-Scheidemann und in der Tat für die Rätemacht und den Sozialismus.

Man kann daher W. F. Schälike wohl kaum zustimmen, wenn er schlußfolgert, daß man der Bourgeoisie die Initiative bei den revolutionären Ereignissen zuschreibe und die Kämpfe der Arbeiterklasse zu putschistischen Aktionen erkläre, wenn man davon ausgehe, daß sie ihre Ursachen in der Provokationen der Bourgeoisie gehabt hätten.47) Und er versucht nachzuweisen, daß den Märzkämpfen 1919 in Berlin keine Provokation zugrunde gelegen habe. Sicher darf man in den Provokationen nicht die Ursachen der Kämpfe im Frühjahr 1919 suchen, wohl aber wurde eine Reihe von ihnen durch solche Provokationen ausgelöst. Mir scheint, daß W. F. Schälike nicht richtig an diese Frage herangeht. Es kommt doch nicht darauf an, an Hand des „Vorwärts“ und einer Reihe bürgerlicher Zeitungen „objektiv“ zu untersuchen, wer wo zuerst geschossen hat. Wenn die Scheidemann und Noske den Generalstreik der Berliner Arbeiter im März 1919 mit dem Belagerungszustand beantworteten und die Stadt durch Freikorpsbanden mit Panzerwagen und schweren Waffen besetzen ließen, um jede Aktion im Blut zu ersticken, dann war das eine Provozierung der Arbeiterklasse. Noske war sich völlig darüber klar, daß es angesichts der sehr gespannten Lage unvermeidlich zu Zusammenstößen kommen mußte. Er war, wie sich nachweisen läßt, entschlossen, den „bolschewistischen Umtrieben“ mit Gewalt ein Ende zu machen.48) Die KPD handelte richtig, als sie vor unnützen Schießereien und bewaffneten Zusammenstößen warnte. Als die Arbeiter aber zu den Waffen griffen, kämpften viele Kommunisten an ihrer Seite.

Der Kampf der 12 000 Berliner Arbeiter, die mit der Waffe in der Hand gegen die Freikorpsbanden, für ein Deutschland ohne Imperialisten und Militaristen kämpften, war jedoch keineswegs eine putschistische Aktion.49) Es gibt bekanntlich keine Revolutionen, in denen sich die Massen sofort einheitlich und völlig organisiert erheben. Die Armeen für die proletarische Revolution wachsen und formieren sich in den Kämpfen gegen den Klassenfeind.

Diese Formierung der Kräfte während der Frühjahrskämpfe 1919 vollzog sich jedoch sehr widerspruchsvoll. Wohl sammelte die Arbeiterklasse in diesen erbitterten und blutigen Kämpfen große Erfahrungen, die zu einer Linksentwicklung führten. Große Teile der Arbeiterklasse, die sich von der SPD infolge des offenen Verrats ihrer Führung lösten, wandten sich jedoch zunächst der USPD zu. Lenin mußte daher auf dem VIII. Parteitag der KPR (B), im März 1919, feststellen, daß sich das deutsche Proletariat, mit Ausnahme einiger Großstädte, noch nicht von der Bourgeoisie differenziert hatte.50)

Die Spaltung ihrer Reihen hinderte die Arbeiterklasse, ihre Kräfte genügend zu organisieren und ihre Klassenaufgabe in der Revolution konsequent zu erfüllen. Sehr verhängnisvoll wirkte sich der Einfluß der rechten und auch eines Teils der linken Führer der USPD aus. Obwohl sie sich in Worten für die Rätemacht und Diktatur des Proletariats erklärten, fielen sie, infolge ihrer kleinbürgerlichen, zentristischen Position, den kämpfenden Massen in jedem entscheidenden, gefährlichen Augenblick verräterisch in den Rücken. Das zeigte sich z. B. bei den Januarkämpfen in Berlin, wo sie anfangs die Bewegung zu weit vorantrieben, ohne die Bedingungen in ganz Deutschland zu berücksichtigen, dann aber vor den Ebert und Noske kapitulierten und die kämpfenden Arbeiter verrieten. Ähnlich verhielten sich die Führer der USPD, um nur noch ein Beispiel zu erwähnen, unmittelbar vor und während der Räterepublik in München. Die junge KPD, die an der Spitze der revolutionären Kräfte stand und in diesen Kämpfen ihre Feuerprobe bestand, war noch nicht stark genug, um den entscheidenden Einfluß ausüben zu können.

Unter diesen Bedingungen kam es, bei der stürmischen Entwicklung der revolutionären Ereignisse, in den einzelnen Gebieten Deutschlands, je nach der konkreten Situation, zu selbständigen, oft vorzeitigen Aktionen von unterschiedlichem Reifegrad, die isoliert voneinander, zeitlich getrennt und ohne einheitliche Führung verliefen. Obwohl an diesen Aktionen große Teile und häufig die Mehrheit der Arbeiterklasse der jeweiligen Stadt oder des Gebietes teilnahmen, konnten sie nur Vorhutkämpfe sein, da sie auf diese Orte und Bezirke beschränkt blieben.

Die ländlichen Gebiete Deutschlands waren überhaupt noch kaum von der Revolution erfaßt worden. Die Landarbeiter und die Kleinbauern wurden nicht in die revolutionären Kämpfe einbezogen.

Unter diesen Bedingungen konnte die Konterrevolution die revolutionäre Bewegung nacheinander in den einzelnen Gebieten niederschlagen und der Revolution eine Niederlage bereiten. Damit war die Frage der Macht zugunsten der Bourgeoisie entschieden. Die Hauptverantwortung dafür trägt die Führung der SPD, die die Arbeiterklasse spaltete und der imperialistischen Bourgeoisie Henkerdienste leistete.

In der dritten Etappe der Revolution kämpften große Teile der Arbeiterklasse mit der Waffe in der Hand für ein sozialistisches Deutschland und brachten große Opfer. Die allgemeine proletarische Grundrichtung der Revolution, ihre proletarischen Kampfformen und –methoden traten in dieser Etappe am deutlichsten hervor. In einigen Städten, wie in Bremen und vor allem in München, war es in erbitterten Kämpfen gegen die Konterrevolution vorübergehend gelungen, die Mehrheit der Arbeiterklasse zu gewinnen und der Revolution dort proletarischen Charakter zu geben. Diese Ergebnisse, die auf den lokalen Rahmen beschränkt blieben, konnten jedoch nicht den Charakter der Revolution für ganz Deutschland maßgebend beeinflussen. Die Kämpfe der Arbeiterklasse im Frühjahr 1919 waren, infolge der Spaltung des Proletariats, durch Spontaneität und Zersplitterung gekennzeichnet. Insgesamt betrachtet, gelang es auch in der dritten Etappe der Revolution nicht, ein solches Kräfteverhältnis der Klassen, eine solche Gruppierung der Kräfte um das Proletariat zu schaffen, die den Übergang zur sozialistischen Revolution ermöglicht hätten.

Fassen wir die Ergebnisse der Untersuchung des Kräfteverhältnisses der Klassen in den einzelnen Etappen der Novemberrevolution zusammen.

Vor der Novemberrevolution stand, den objektiven Voraussetzungen entsprechen, als historische Aufgabe die Durchführung der sozialistischen Revolution. Die Haupttriebkraft und der Führer der Revolution war die Arbeiterklasse. Das trat klar in der ersten Etappe der Revolution in Erscheinung, als das Proletariat einheitlich handelte, sich Arbeiter- und Soldatenräte schuf und im Kampf gegen den Krieg und das monarchistische Regime kleinbürgerliche Schichten um sich vereinigte. Nach dem 9. November 1918, als der Kampf um den Übergang zur sozialistischen Revolution unausweichlich auf der Tagesordnung stand, hindert der Einfluß des Opportunismus auf die Mehrheit der Arbeiterklasse diese, ihre führende Rolle auch jetzt voll zu verwirklichen. Die Hegemonie des Proletariats wurde in weiteren Verlauf der Revolution stark beeinträchtigt, weil die Arbeiterklasse gespalten war und die Verbündeten aus den halbproletarischen und kleinbürgerlichen Schichten sich von der Revolution abwandten.

Trotzdem aber war die Novemberrevolution ihren Hauptkräften, ihren Kampfformen und –methoden nach proletarischen Charakters. Sie war ihrer allgemeinen Grundrichtung nach ein Kampf gegen den Imperialismus und Militarismus, ein Versuch der revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse, eine sozialistische Entwicklung Deutschlands einzuleiten.

Die objektive Möglichkeit der sozialistischen Revolution wurde jedoch nicht zur Wirklichkeit. Es gelang nicht, wie in Rußland vor der Oktoberrevolution, die Mehrheit der Arbeiterklasse um das Programm des Kampfes für die Rätemacht und die Diktatur des Proletariats zusammenzuschließen und die Unterstützung der werktätigen Schichten zu gewinnen. Erst durch die Herausbildung eines solchen Kräfteverhältnisses wäre die Revolution zu einer sozialistischen geworden, unabhängig davon, wie der unmittelbare Kampf um die Macht ausgegangen wäre. In der letzten Etappe der Revolution gab es zwar vorübergehend Ansätze einer solchen Entwicklung, die jedoch nicht über ihren lokalen Rahmen hinaus für ganz Deutschland wirksam werden konnten. Es gelang nicht, den Übergang zur sozialistischen Revolution zu vollziehen.

Daher war die Novemberrevolution in Deutschland ihrem tatsächlichen Klassencharakter, ihrem sozial-ökonomischen Inhalt nach eine bürgerlich-demokratische Revolution.

Lenin wies in seiner Rede auf der feierlichen Sitzung des Moskauer Sowjets aus Anlaß des ersten Jahrestages der Gründung der III. Internationale, im März 1920, auf die Hauptursache hin, warum es in Westeuropa, und damit auch in Deutschland, unmittelbar nach dem Kriege nicht zu sozialistischen Revolutionen kam.

„In der ersten Zeit der Revolution hegten viele die Hoffnung, die sozialistische Revolution in Westeuropa werde unmittelbar nach der Beendigung des imperialistischen Krieges ausbrechen, denn in einem Moment, wo die Massen bewaffnet waren, konnte die Revolution mit dem größten Erfolg auch in einigen Ländern des Westens vor sich gehen. Das hätte so kommen können, wenn die Spaltung des Proletariats in Westeuropa nicht so tief und der Verrat der ehemaligen sozialistischen Führer nicht so groß gewesen wäre.“51)

Die Spaltung der Arbeiterklasse und der Verrat der rechten sozialistischen Führer ist bis heute das Haupthindernis für den Sieg der Arbeiterklasse in den noch imperialistischen Ländern, darunter vor allem auch in Westdeutschland. Die Diskussion über den Charakter der Novemberrevolution ist daher kein nur historisches Problem, keine überflüssige, abstrakte Auseinandersetzung. Sie hat durchaus praktisch-politische Bedeutung, weil sie mit dazu beiträgt, Klarheit darüber zu schaffen, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen die Arbeiterklasse den Kampf um die politische Macht aufnehmen und erfolgreich führen kann.

Die Arbeiterklasse in der Deutschen Demokratischen Republik hat aus den Erfahrungen der Novemberrevolution gelernt. Geeint unter der Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands hat sie zum ersten Mal in der Geschichte in einem Teil Deutschlands die Macht erobert und den Aufbau des Sozialismus in Angriff genommen. Die deutsche Arbeiterklasse wird es auch verstehen, den Kampf um den Sozialismus in ganz Deutschland erfolgreich zu führen und damit das zu erfüllen, wofür die Besten der deutschen Arbeiterklasse in der Novemberrevolution von 1918/1919 kämpften und ihr Leben gaben.

1) I. S. Drabkin, Über den Charakter und die Triebkräfte der Novemberrevolution in Deutschland, Woprossy Istorii, Nr. 5/1956

W. I. Billik, Über die Eigenart der Novemberrevolution von 1918 in Deutschland, Woprossy Istorii, Nr. 6/1956.

W. F. Schälike, Einige Probleme der Revolution von 1918 bis 1919 in Deutschland; Woprossy Istorii, Nr. 12/1956.

Alle drei Arbeiten sind in deutscher Übersetzung erschienen in „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 95, 96, 107/1956 und Nr. 32/1957.

2) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 32/1957.

3) Ebenda, S. 711.

4) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin, 1955, S. 125.

5) Ebenda, S. 123.

6) Ebenda, S. 830.

7) Ebenda, S. 471.

8) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 32/1957, S. 711.

9) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. I, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 508.

10) Ebenda, S. 457/458.

11) Ebenda, S. 507/508.

12) Zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands. Eine Auswahl von Materialien und Dokumenten aus den Jahren 1914/1946, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 48.

13) Einheit, Heft 1/1957, S. 107.

14) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 52/1957, S. 711.

15) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 107/1956, S. 2448.

16) Ebenda, S. 2453.

17) Einheit, Heft 1/1957, S. 106.

18) Ebenda, S. 107.

19) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 477/482.

20) Ebenda, S. 481.

21) W. I. Lenin, Über Deutschland und die deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 408.

22) Ebenda, S. 398.

23) Ebenda, S. 491.

24) Ebenda, S. 455.

25) Ebenda, S. 494.

26) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 186.

27) Ebenda, S. 477/478.

28) Einheit, Heft 1/1957, S. 104.

29) Protokoll der II. Parteikonferenz der SED, Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 492.

30) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 8.

31) W. I. Lenin, Das Jahr 1917, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 44/47.

32) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 21/23.

33) Ebenda. S. 477.

34) Lenin, Sämtliche Werke, Verlag für Literatur und Politik, Wien/Berlin 1931, Bd. XXI, S. 277.

35) W. I. Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1955, S. 698.

36) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 107/1956, S. 2449.

37) W. I. Lenin, Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 482.

38) Lenin, Sämtliche Werke, 3. Ausgabe, Bd. XXIII, S. 514 (russ).

39) Karl Liebknecht, Ausgewählte Reden, Briefe und Aufsätze, Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 472.

40) Siehe Fußnote 28.

41) W. Ulbricht, Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin 1953, Bd. I., S. 27.

42) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 96/1956, S. 2201.

43) Ebenda, Nr. 107/1956, S. 2450.

44) Ebenda, Nr. 9/1956, S. 2201.

45) R. Leibbrand, Zur Diskussion über den Charakter der Novemberrevolution, Einheit, Heft 1/1957, S. 105.

46) G. Paulus. Die soziale Struktur der Freikorps in den ersten Monaten der Novemberrevolution, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Nr. 5/1955, Verlag Rütten & Loening, Berlin, S. 686.

47) „Die Presse der Sowjetunion“, Nr. 32/1957, S. 711/712.

48) G. Noske, Von Kiel bis Kapp, Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin W. 35, 1920, S. 101/112.

G. Noske. Die Abwehr des Bolschewismus, in Zehn Jahre deutsche Geschichte 1918-1928, Otto Stollberg Verlag, Berlin 1928, S. 37.

49) Über den „Putschismus“ der KPD, siehe: W. I. Lenin, Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin 1957, S. 508/509.

50) Ebenda, S. 498.

51) Lenin, Sämtliche Werke, Verlag für Literatur und Politik, Bd. XXV, Wien/Berlin 1930, S. 85.

Theorie und Praxis, Heft 5, 3. Jahrgang, Dezember 1957.