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"Die Revolution ist, soweit wir sehen können, ein Bestandteil einer früheren Periode der gesellschaftlichen Entwicklung.", Richard Löwenthal 09.03.1974

Denn von der Macht wurde nur geträumt

Ein Vergleich aus aktuellem Anlaß: Die deutsche Sozialdemokratie in Weimar und heute

Von Prof. Dr. Richard Löwenthal

Unvermeidliche Entscheidung der Mehrheits-SPD?

Doch hinter der formalistischen Auffassung von den Bedingungen des Aufbaus einer Demokratie steckte ein noch grundlegenderer Faktor, der bei Führern und Anhängern gleich wirksam war: Die Sorge um die technisch-organisatorische Kontinuität der Ordnung des täglichen Lebens. Wichtiger als die unbegründete Furcht vor einer Machtergreifung des „Bolschewismus“ in Deutschland, wichtiger auch als die zeitweilig eher begründete Furcht vor einem äußeren Zerfall des Reiches durch separatistische Bewegungen im Westen und Angriffe polnischer Insurgenten im Osten, war Ende 1918 die Angst vor dem „Chaos“: Vor dem Zusammenbruch von Lebensmittel- und Brennstoffversorgung, von Transport- und Gesundheitswesen im Zuge einer unkontrollierten Demobilisierung der heimkehrenden Truppen und bei Fortdauer der alliierten Blockade. Gerade weil Deutschland ein hochentwickeltes und hochorganisiertes Industrieland mit komplizierter Arbeitsteilung und einem Netz vielseitiger Verwaltungen war, gerade darum erzeugte die Vorstellung, das Funktionieren dieser Verwaltungsorganisation könne unterbrochen werden, Angst und Schrecken sowohl bei den politisch Verantwortlichen wie bei Millionen einfachen Menschen, deren Leben – Beschäftigung, Ernährung, Gesundheit – buchstäblich von diesem Funktionieren abhing. Revolution aber, die mehr ist als eine Veränderung der rein politischen Institutionen und ihrer Symbolik, Revolution, die Machtverhältnisse verändern will und daher Machtapparate zerschlagen muß, ist notwendig mit dem Risiko verbunden, das Funktionieren der Verwaltung zu unterbrechen und damit die Kontinuität der Lebensordnung zu gefährden. So gewiß der Gedanke der Revolution in vielen Ländern Begeisterung hervorruft, so gewiß erzeugt daher die tatsächliche Annäherung einer Revolution in allen entwickelten Industrieländern Angst – und dies keineswegs nur bei denen, die Besitz und Vorrechte zu verlieren haben, sondern bei all denen, die um die Sicherheit ihrer Existenz bangen.

Dies ist nicht nur einer der wesentlichsten Gründe, warum es bis heute in keinem entwickelten Industrieland eine „proletarische Revolution“ – im Marxschen Sinne oder eine revolutionäre Machtergreifung der einheimischen Kommunisten aus eigener Kraft gegeben hat. Es erklärt auch die in unserem Zusammenhang zentrale Tatsache, daß Länder, die ohne demokratische Revolution die Stufe der modernen Industriegesellschaft erreicht hatten, nirgends auf dieser Stufe eine demokratische Revolution nachgeholt haben. Diese Tatsache ist von der politischen Theorie bisher nicht zur Kenntnis genommen worden: Das Scheitern der demokratischen Revolution in Deutschland nach 1918 erscheint vielmehr den meisten Beobachtern im In- und Ausland als eine halb lächerliche, halb tragische Singularität – ein Ausdruck des spießbürgerlichen deutschen Volkscharakters. Keiner der Kommentatoren und Historiker, die jene endlosen Anekdoten über die Unfähigkeit der Deutschen, im Bürgerkrieg ohne Lösung einer Bahnsteigkarte einen Bahnhof zu besetzen, selbstzerfleischend oder genüßlich kolportieren, scheint sich jemals gefragt zu haben, in welchem anderen Industrieland denn eine demokratische Revolution gegen den Staatsapparat – im Unterschied zu einer faschistischen „Revolution“ mit Hilfe des Staatsapparates – stattgefunden hat. Die Revolution als Idee ist ein Lieblingsthema intellektueller Diskussion in der modernen industriellen Welt. Die Revolution als Ereignis ist, soweit wir sehen können, ein Bestandteil einer früheren Periode der gesellschaftlichen Entwicklung.

Blicken wir um uns. Nicht nur die großen demokratischen Revolutionen des Westens – die niederländische, englische, französische, amerikanische Revolution – gehören dem vorindustriellen Zeitalter an. Auch die europäischen Revolutionen von 1848, auch die demokratischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts in Rußland und Spanien fanden in Ländern mit überwiegend agrarischer Bevölkerung statt, die noch in einem Frühstadium ihrer Industrialisierung begriffen waren – von den Revolutionen in den Entwicklungsländern zu schweigen. Für Deutschland erklären diese Erfahrungen, daß die demokratische Revolution, die 1848 mißlang und 1866 – 1871 durch Bismarcks „Revolution von oben“ ersetzt wurde, auf einer höheren Entwicklungsstufe 1918 nicht leichter, sondern schwerer nachzuholen war.

Damit soll nicht etwa behauptet werden, die Entscheidungen der deutschen Mehrheitssozialdemokratie unter Eberts Führung seien so, wie sie waren, aufgrund „historischer Gesetzmäßigkeiten“ unvermeidlich gewesen. Ein Vergleich mit den gleichzeitigen Ereignissen in Österreich genügt, um zu zeigen, daß mindestens das Bündnis mit dem Oberkommando des kaiserlichen Heeres und der Aufbau von Freikorps nicht unvermeidlich waren: Der Versuch, eine neue, demokratisch zuverlässige Truppe unter wesentlicher Beteiligung sozialdemokratischer Arbeiter aufzustellen, ist in Österreich gelungen – begünstigt freilich dadurch, daß dort der Zerfall des alten staatlichen Rahmens aufgrund der Loslösung der Nationalitäten und mit ihm der Zerfall des kaiserlichen Heeres dem Neuaufbau vorgegeben waren. Was unsere Überlegungen über die allgemeinen Hindernisse einer Revolution in entwickelten Industrieländern erklären, sind nicht die einzelnen Entscheidungen der Führer, wohl aber die Durchsetzung ihrer Gesamtpolitik und das Scheitern der demokratisch-revolutionären Alternative: Der Versuch, eine freiheitlich-demokratische Verfassung ohne Angriff auf den vordemokratischen und im Effekt antidemokratischen Staatsapparat einzuführen, entsprach in all seiner Widersprüchlichkeit den widersprüchlichen Bedürfnissen breiter Massen, die sich zugleich nach einer neuen Freiheit und nach Kontinuität ihrer Lebensordnung und des sie sichernden (alten) administrativen Rahmens sehnten. Um dieses überstarken Bedürfnisses nach Kontinuität willen, das alle hochindustriellen Gesellschaften kennzeichnet, wurde 1918/19 und abermals 1920 das versäumt und direkt verhindert, was Deutschland zu einer wirklich lebensfähigen Demokratie hätte machen können.

Berliner Stimme Nr. 10/24, S. 11, 09.03.1974