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Karl Liebknecht kehrt ins gärende Berlin zurück

Der Schriftsteller Arthur Holitscher über den Empfang in der russischen Gesandtschaft

Am 23. Oktober 1918 hielt Liebknecht, aus dem Zuchthaus kommend, seinen Einzug in die gärende Stadt Berlin. Ungeheure Messenmenschen hatten sich um den Anhalter Bahnhof gesammelt, begleiteten das Auto, von dem herab Liebknecht, Vorbote und Apostel der Revolution, Ansprachen an die Versammelten richtete. Der Krieg war in sich zusammengebrochen, das deutsche Kaiserreich am Verenden. Hier stand der Mann, der das Kommende verkörperte, ein hinter Kerkergittern hart, fahl, kalt und hager gewordener Mensch, durchschüttert aber von der inneren Glut, von Kraft und Glauben. Die Menge begleitete ihn durch die Stadt.

Jetzt stand das Auto Liebknechts Unter den Linden, vor dem Hause der Russen, und Liebknecht hielt, zu den Fenstern der Gesandtschaft aufblickend, eine Rede an die Menge. Es war der Vorabend.

Bei Freunden

Am nächsten Tage fand in der Gesandtschaft ein Empfang zu Ehren Liebknechts statt. Zur selben Abendstunde, in der wir in den prachtvollen festlichen Sälen der Gesandtschaft beisammensaßen, Abgeordnete der Unabhängigen Partei, Proletarier, Intellektuelle, Russen und Deutsche – Revolutionäre –, um diese selbe Stunde, so verkündete es der Gesandte Joffe in seinem ersten Trinkspruch, marschierten in Moskau Hunderttausende mit Fackeln nach dem Roten Platz vor dem Kreml, um Liebknecht zu ehren, den Verkünder, den Schöpfer der brüderlichen deutschen Revolution, Helden des revolutionären Proletariats Deutschlands und der Welt.

Zum ersten Male betrat ich das Haus Unter den Linden. Die Genossen, die das Tor öffneten, schüttelten uns die Hand, sie klopften uns begeistert auf die Schultern, während sie uns die Mäntel abnahmen. Freundschaft und Kameradschaft begannen schon am Tor, wie man sah, denn die Genossen, die uns hier unten begrüßten, gehörten ja zur „Dienerschaft“ des Hauses. Oben die prunkvollen Säle des ersten Stockwerkes, mit grünen, mit malvefarbigen, zitronengelben Damasttapeten bespannt, waren von einer zahlreichen Schar von Gästen belebt. Um den alten, vom Tode bereits gezeichneten Franz Mehring standen bekannte Männer und Frauen. Haase, war da, Oscar Cohn, Ledebour, Eichhorn, der spätere Polizeipräsident Berlins. Geschäftig und aufgeregt eilte Eduard Fuchs, offenkundig der Ordner dieser Festlichkeit, durch die Säle.

Wir waren alle von feierlichen Erregungen ergriffen. Daß dieses Fest möglich war, bewies ja deutlich die Nähe der Erlösung. Nach Liebknechts Erscheinen in Berlin war die Entwicklung der Dinge unaufhaltsam vorgeschritten. Das Volk hatte endlich, endlich sein Machtwort gesprochen, Liebknecht war frei!

Von der Haft gezeichnet

In einer Gruppe von jungen Arbeitern fiel mir, ein einarmiger, blasser Jüngling auf, später hielt er an der Tafel die beste, schärfste, direkteste Rede, die an diesem Abend gehalten wurde.

In der Tür erschien jetzt Liebknecht mit seiner Frau Sonja. Wie sehr hatte sich Liebknecht seit jenem 1. Mai, an dem ich ihm in der Menge am Potsdamer Platz begegnet war, verändert. Wie sehr war seine Haltung eine andere geworden, seit ich ihm vor dem Kriege im Reichstag sprechen gehört hatte, zuletzt über die Kornwalzeraffäre, die große Korruption bei Krupp. Er wurde ja damals von seiner Partei mit Vorliebe auf die Tribüne geschickt, sobald eine eklatante Enthüllung des Regimes zu vollziehen war, Sensationsaffären aufs Tapet kamen. Ich hatte darum im Reichstag stets den Eindruck eines eifernden, mit großen Schwung sprechenden, im übrigen aber seine Worte mit Geschmack und in wirksamster advokatorischer Form setzenden Redners. Jetzt sah ich ihn aus nächster Nähe. Ein blasser, stummer, düsterer Asket war das, der da in der Tür stand. Das Haar, das er ehedem wellig trug, kurz geschoren, die Wangen eingefallen, rasiert bis auf einen kleinen gestutzten Schnurrbart. Graugrüne Zuchthausfarbe lag über diesem Gesicht. Sonderbar die Augen, zwischen Unstetigkeit und Starre wechselnd. Neben ihm Sonja. Seit seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft war sie jünger, reizvoller geworden. Das schöne, geistvolle Antlitz ganz verändert vom Glück. Sie hielt sich während des ganzen Abends eng an seiner Seite. Meine Gefährtin sagte: „Wie eine Blume ist Sonja aufgeblüht über Nacht.“

Begeisterung in Moskau

Der Saal schimmerte im Glanz der Glaslüster. Zwei gewaltige eiserne Haken ragten aus den elbenbeinfarbigen glatten Wänden hervor. Dort hatte ehemals die Ölbilder des Zaren und der Zarin gehangen. Manch einer an der Tafel machte seine Glossen über die Verwendbarkeit dieser beiden Haken. K., der Pianist, der mit seiner Frau zugegen war, wurde gebeten, sich an den Flügel zu setzen und zu spielen. Wir hofften, wir würden nun die „Internationale zu hören bekommen, er aber schien sie nicht zu kennen, und so wurde es nur die Marseillaise, doch in einer künstlerisch einwandfreien Wiedergabe – da K. ja Busoni-Schüler ist – und in einem gewaltsamem, rhythmisch prachtvoll aufreizenden Tempo.

Nach dem ersten Gang erhob sich Joffe und sprach eben von jenem Fackelzug über den Roten Platz Moskaus. Er berichtet, daß das ehemalige Leibgarde-Regiment des Zaren jetzt nach Karl Liebknecht benannt worden sei. Joffe sprach, seine innere Erregung meisternd, kurz, ernst. Ich sah im Gesicht manch eines um den Tisch leises Zucken, unterdrücktes Gefühl…

„Zur Tat!“

Bald darauf sprach Liebknecht selber. Eisig, hart und unerbittlich kamen seine Worte, wie seine gestählte Seele es in der Zuchthaushaft geworden war. „Ein Wunder ist mir widerfahren“, sagte er, „vor 24 Stunden noch saß ich in einer Zuchthauszelle, heute in diesem lichterdurchfluteten Raum unter Genossen, Blumen und Musik. In weiteren 24 Stunden aber wird das Wunder geschehen sein, die deutsche Befreiung. In den verflossenen Stunden, seit ich frei bin, habe ich eine Sammlung der Gesetze und Verordnungen durchgesehen, die die russische Revolution seit ihrem Bestehen der Welt gegeben hat. Wenn nur der hundertste Teil von dem Wirklichkeit wird, was in dieser Sammlung niedergeschrieben steht, was in diesen Gesetzen an Menschenrecht aufgezeichnet ist, dann ist die Menschheit auf ihrem Wege zum Ideal eine gewaltige Strecke vorwärtsgeführt worden. Es ist das idealste Programm, das Menschen jemals zur Befreiung der leidenden Klassen aufgestellt haben. Aber keiner von uns wird sich verhehlen: Die russische Revolution ist in Gefahr, wenn ihr die deutsche nicht zur Hilfe kommt! Gelingt es dem deutschen Proletariat nicht, den Sieg zu erringen, dann verschlingt der Weltkapitalismus, der noch mächtig und ungebrochen dasteht nach dem Gemetzel, die Welt und das Proletariat und das Menschenrecht in kurzer Frist. Das wollen wir verhindern.“ Seine Worte waren von mechanischen wuchtigen Bewegungen der Linken markiert. Wie ein Hammer schlug die Faust auf den Tisch nieder, immer auf dieselbe Stelle. „Wir müssen zur Tat schreiten. Keine Zeit zu verlieren. Zur Tat!“

Wir alle traten mit unseren Gläsern an Karl und Sonja heran. Um den Tisch drängten sich Bekannte und Unbekannte, die Gläser in der Hand. Deutsche und Russen, Berühmte und Bescheidende, die Diener von unten beim Tor, Rotgardisten, die ersten bewaffneten Arbeitersoldaten der proletarischen Revolution, die Jugendlichen aus den Versammlungen, junge reizende Mädchen neben den alten bewährten Führerinnen der proletarischen Frauenbewegung – alle in einem Augenblick der höchsten Freude hingegeben, daß sie ihren Führer sehen konnten.

Die Rosen und roten Nelken vom Tische wanderten. Jeder und jede steckten sich dieses Zeichen der Revolution an sein Gewand. Das dürftigste Kleid schimmerte herrlich auf, das bleicheste Gesicht erglühte von der Blutfarbe der nahenden Befreiung. Vor Karls Glas türmte sich ein Hügel von blühenden Rot. Sonja lächelte wieder beglückt. Wir tranken ihr zu. K. saß an dem Flügel und improvisierte aus Beethoven, dann hörten wir Chopins Rhythmen. Schließlich war es ein einziger, wunderbarer hinströmender Hymnus.

(Aus: Erlebte Geschichte. Erster Teil: Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Von Zeitgenossen gesehen und geschildet. Verlag der Nation, Berlin 1967)

Neues Deutschland (B), 03.10.1968