Der paritätisch-revolutionäre Ministersessel

 „Als die Novemberstürme heranbrausten, saß das lichtscheue, schwarze Raubvogelgezücht in allen Löchern, Ritzen und Verstecken, im Gemäuer des alten, in seinen Festen erzitternden Turm der Reaktion und harrte schlau und geduldig auf – besseres Wetter. Den festen Halt und die größte Sicherheit bot den schwarzen Galgenvögeln der älteste und mit tausendfaltigen Schlupfwinkeln versehene Hort der kirchlichen Reaktion in Berlin, Unter den Linden 4, „Kultus“-Ministerium genannt. Hier hatten sich die Totengräber deutscher Denkfähigkeit so fest eingenistet, daß mehr denn eine Herkulesarbeit dazu gehörte, Wandel zu schaffen oder, richtiger gesagt, Auskehr zu halten …
 Nun könnte man mit Recht sagen: Die sozialdemokratischen Minister hätten doch das „Großreinemachen“ besorgen müssen! Gewiß, das war auch meine Meinung und Absicht! Aber wer Konrad Haenisch und seine Entwicklung vom radikal sich überschlagenden Flugblattschreiber – innerhalb einiger Tage – zum „Deutschland, Deutschland über alles“ brüllenden Überalldeutschen kennt, der wird die Unmöglichkeit, von ihm überhaupt nur etwas wie Grundsätze zu verlangen oder umfassende Änderungen durchzuführen, einsehen. Und dieser Mann war mir gleichberechtigt zur Seite gegeben als Folge eines Beschlusses jener denkwürdigen Zirkusversammlung am 10. November der Arbeiter- und Soldatenräte, bei der die irregeführten Massen nur auf die Phrasen „Einigkeit“ und „Parität“ dressiert waren.
 Ich habe mich trotzdem eifrig bemüht, zu schaffen, was möglich war. Das erste, was ich tat, war, meinem in Konvenienzen und Scharwenzeln erstrebenden Kollegen Haenisch klarzumachen, daß wir mit diesem „Räte-System“ der Geheimen und Wirklichen Geheimen Räte unmöglich arbeiten könnten, daß wir hier aufräumen müßten. Dem widersetzte er sich, indem er erklärte, die ganze Maschine stände still, wenn wir die alten erfahrenen Leute ausschalteten …
 Einer meiner ersten und unangenehmsten Aufgaben war, der gesamten Beamtenschaft des Ministeriums mich vorstellen zu lassen und sie auf Handschlag für die Revolution, das heißt für die junge Republik, zu verpflichten. Ich mußte mich dieser Aufgabe unterziehen. Reichlich zweihundert Beamte und Beamtinnen des Ministeriums erschienen im großen Konferenzsaal. Ich hielt eine Ansprache, in der den Herren, obwohl sie ohne Konzept gehalten wurde, vielleicht manches nicht Angenehme gesagt wurde, aber, da sie nicht einmal die zahlreich erwarteten grammatischen Fehler enthielt, besonders einen Herrn, den Zeilenschinder des Ministerium, der die nationalistische Presse während der ganzen Dauer meiner Tätigkeit mit Bosheiten gegen mich versah, enttäuschte und ihm nichts zu verdienen gab. Ich hätte meine Hand, mit der ich die einzelnen verpflichtete, viel lieber dazu benutzt, ein Teil derselben eigenhändig an die Luft zu setzen, da es meine feste Überzeugung war, daß sie eine Verpflichtung nur eingingen in der sicheren Hoffnung, daß die ganze Revolution und besonders der ihnen so verhaßte „Zehn-Gebote-Hoffmann“* nur eine vorübergehende Erscheinung sein werde. So konnte ich das Gefühl nicht loswerden, daß mein Vorgänger Herr Dr. Schmidt dem gesamten Personal dringend empfohlen habe, die kurze Zeit auszuharren, bis er nach erfolgtem Friedensschluß die Geschichte wieder übernehmen würde …
 Der Fehler bei unserem Eintritt ins Ministerium, dem größten Teil der Geheimen Räte, vor allem dem Mephisto derselben, Herrn Hinze, nicht unverzüglich Luftveränderung verordnet zu haben, mußte sich bald an uns selbst und der Entwicklung revolutionärer Ideen in unserem Machtbereich empfindlich bemerkbar machen. Die Herren übten in und bei allem passiven Widerstand, indem sie die Durchführung von Anordnungen und Verordnungen verhinderten oder doch ins Unendliche verschleppten …“

            * Adolph Hoffmann war bekannt als Autor der gegen die religiöse Heuchelei gerichteten,
            weitverbreiteten Schrift „Die Zehn Gebote und die besitzende Klasse“

Bericht des revolutionären Kultusministers Adolph Hoffmann, "Unter den Linden 4" in "Berliner Leben 1914 bis 1918", Dieter und Rut Glazer, Berlin 1963

 

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